Über ein Stigma. Oder: Ob Menschen mit Übergewicht Freude am Essen haben dürfen.

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„Warum sind eigentlich so viele Menschen unzufrieden mit ihrer Figur und so wenige mit ihrem Hirn?“ – Vincent Klink

Dürfen übergewichtige Menschen Freude am Essen haben? Die allgemein verbreitete, kurze Antwort: Nein, dürfen sie nicht. Ein essender Dicker ist allein schon eine Provokation. Tut er oder sie das auch noch mit Freude, ist das eindeutig geisteskrank. Früher, in den Nachmittagstalkshows, waren Dicke, die stolz verkündeten, das sie sich gut fänden, so wie sie seien, maximale Aufreger, auf einer Ebene mit Sozialbetrügern und Ehebrechern. Vielleicht sind wir heute mehr p.c. als damals, aber ich glaube nicht, dass sich an dieser Wahrnehmung viel geändert hat.

Geschichte in MUCBOOK

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Ich bin wirklich hocherfreut, dass es meine kleine Geschichte Wie die Auster ins Stüberl kam auf zwei Seiten in das neue Gastro-Special des mega-coolen, jungen Münchner Magazins MUCBOOK geschafft hat. Wer das Heft in die Finger bekommen kann: Kaufen! Denn Print rockt einfach. Und noch viel mehr, nicht nur zur Kulinarik, gibt’s auf www.mucbook.de . Mehr Küchengeschichten von mir gibt es unter der FÜHLEN Rubrik auf dieser Seite.

Wie die Auster ins Stüberl kam

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Es ist heiter im Stüberl. Am Tresen sitzen die Stammgäste: Wastl, mit schon rot angelaufener Halbglatze und verschmitztem Grinsen, Alfons, eine imposante, Ruhe, Freundlichkeit und Autorität ausstrahlende Erscheinung und Franzi, der ex-Verfassungsschützer, von dem man nie weiß, ob er einen gerade komplett auf den Arm nimmt oder seine Geschichte wahr ist, so unlesbar ist sein Pokerface. Hinter dem Tresen steht Greti, wie jeden Tag seit dreißig Jahren. Sie ist der wichtigste Grund, aus dem die Jungs herkommen. Mutterersatz, Freundin, Schwester, alles zusammen.

Der berühmte Geiger

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Es ist unser bisher teuerstes Konzert. Gage und Produktionskosten zusammengerechnet liegt die Kalkulation im sechsstelligen Bereich. Die gut 800 Tickets sind deshalb richtig teuer – und trotzdem innerhalb von einer Woche ohne jede Werbung weg. Der berühmte Geiger kommt in die Provinz. Und ich soll mich um ihn kümmern. Der Hospitality Rider, also der Vertragszusatz, der Unterbringung, Transport und Catering regelt, ist vierzig Seiten stark. Der mit Abstand umfangreichste, den ich bis dato gesehen habe und auch bis heute sehen werde. Ich glaube, der von den Stones ist dünner. Das heisst, die Stones bringen ihren Kram immer selbst mit. Der berühmte Geiger nicht.

Dummheit ist auch keine Lösung

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Morgens in der S-Bahn sehen alle gleich scheisse aus. Selbst die Hübschen, Jungen und Dünnen. Schlecht aufgetragenes Make-up und fleckig gefärbte Haare leuchten im kalten Licht, Wampen und Speckrollen quellen aus Hemden, Hosen und Röcken, Halbglatzen glänzen im Schweiß der morgendlichen Eile. Man sieht vergebliche Diäten, verfahrene Jobs, Schulden, hohen Blutdruck, es riecht nach sauren Ausdünstungen, kalter Asche, Bierfahnen, Kaugummi, Backshop, Bremsabrieb und feuchtem Zeitungspapier. So lange geschlafen und schon wieder so müde. Mittendrin eine Vierergruppe junger Männer. Plastik-Sonnenbrillen, Plastik-Goldketten mit Jägermeister-Logo, Shorts, Turnschuhe mit Socken, Sachsen-Sound, tragbarer Lautsprecher mit Ballermannhits, Bierkasten in der offenen Reisetasche. Die Vier labern Dünnschiss, singen dumpf die debilen Songs mit und trinken. Die anderen Fahrgäste schauen weg, doch die Mahlbewegungen ihrer Kiefer verraten, das es in ihnen arbeitet.

Im Stüberl

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Menschen, die nicht aus Bayern kommen, wird man erklären müssen, was eine „Boazn“ ist. Der Begriff ist ambivalent, meint abwertend eine fiese Spelunke. Aber auch liebevoll eine etwas in die Jahre gekommene, gemütliche Kneipe. Etwas offizieller nennt man diese Läden, von denen es in München sicher über hundert gibt, „Stüberl“. Das Wort tragen sie auch meist im Namen. Ich wohne seit nun schon über zehn Jahren direkt über einem dieser „Stüberl“. Drin war ich zum ersten Mal erst vor einem guten Jahr. Vorher traute ich mich nicht so recht rein. Ich wollte die Leute, in allererster Linie Stammgäste, die oft schon ab zehn Uhr morgens am Tresen sitzen, einfach nicht stören. Und irgendwie dachte ich wohl auch, das mit mir etwas nicht stimme, wenn ich mich von solchen Läden angezogen fühle. Andererseits: Ich kenne wirklich jeden in meinem Haus. Den Gemüsehändler, das alte italienische Paar, das die Pizzeria führt. Und irgendwie fand ich es blöd von mir selbst, um das Stüberl so lange einen Bogen zu machen und an einem dunklen Abend im letzten Winter zog es mich auch wieder irgendwie in den holzgetäfelten Raum hinter den großen Glasscheiben.