Angriff der zehnbeinigen Jogger

fühlen

Münchner Speckgürtel, Ende Januar. Trüb, feucht. Ich wollte mal raus, aber habe auch unterirdische Laune. Schlecht geschlafen, die bequeme Hose ist in der Wäsche, die aktuelle zwickt am Bund, mein T-Shirt ist auch zu kurz. Mir ist warm und kalt zugleich. Ich fühle mich wie grobe Leberwurst in einen Wintermantel gestopft. Das „Naherholungsgebiet“ liegt am Rand eines hässlichen Trabanten-Kaffs aus dessen Schachtel-ähnlichen Legebatterien die armen Würstchen tagtäglich in die Agenturen und Kanzleien pendeln um sich die ab 2000 € warm im bayrischen Plattenbau leisten zu können.

Vom Parkplatz aus muss man die „Natur“ nochmal googeln, sonst übersieht man sie. Wir laufen einen kleinen Hügel hinauf, das wenige Gras ist auf den Wegen zu einer schlammigen Masse zusammengetrampelt. Der kleine Park besteht aus einer Art Berg-und-Tal Rundkurs. Aus der Ferne höre ich stampfende Schritte. Als sie näherkommen sehe ich eine fünfköpfige Joggergruppe. Volle Montur, stromlinienförmig, ein einziger Plastiküberzug, der ganze Mann. Die Gruppe kommt näher. Die fünf Typen joggen, ohne Witz, tatsächlich im Gleichschritt. Sie keuchen im Takt. Hier wird eine Schlacht geschlagen. Ein paar Rentner weichen der sich konstant auf Wegesmitte entlang walzenden Gruppe aus, ein Opa schüttelt den Kopf. Die fünf, das ist Mal klar, sind in ihrer überlegenen Vitalität eindeutig die Könige des kleinen Piss-Parks. Mir geht durch den Kopf, was sie wohl für einen wie mich empfinden mögen. Bestenfalls Mitleid, wahrscheinlicher aber: Verachtung.

Wir bleiben stehen und machen Platz. Ich bilde mir ein, dass mich der nasse Atem der Supermenschen umhüllt. In meiner Fantasie strecke ich einen von ihnen mit einem frontalen Faustschlag nieder. Zugleich fühle ich mich mit meinen knapp zwei Metern so richtig klein. In diesem Moment hasse ich alles und alle, mich selbst eingeschlossen, das verdammte Übergewicht, die verdammte Inkonsequenz. Wir drehen um. Ich stapfe schmollend voran. Auf dem Weg zum Parkplatz überholt uns die Gruppe ein zweites Mal. Ich blicke auf die überteuerten Plattenbauten. Heiner Müller hätte sowas „beheizte Fickzellen“ genannt. Naja, jetzt sicher mit Gasgrill, Riesen TV und SUV, mit dem man von der Legezellen-Tiefgarage direkt zur Agentur-Tiefgarage commuten kann.

Gott, was wäre ich gerne leichter. Aber ich muss auch an den Ausspruch vom großen Gerhard Polt denken, der beim Anblick ähnlicher verkniffener Kampf-Jogger feststellen musste: „Wirklich erstaunlich, dass Gesundheit so traurig machen kann.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s