Feliz ano novo.

fühlen

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João kommt jeden Nachmittag zum Fähranleger am Tejo. João heißt wirklich so, wie gefühlt die Hälfte aller männlichen Portugiesen. Er hat seine Gitarre dabei. Und einen kleinen, Akku-betriebenen Verstärker. An einer niedrigen Mauer, direkt mit der Atlantikmündung im Rücken, hat er seinen festen Platz. Er spielt hier jeden Tag, es kommen Touristen, aber auch Einheimische, setzen sich auf die Mauer und schauen aufs Wasser oder machen sich auf den hölzernen Liegebänken breit. Die Wintersonne scheint, ein kühler, salziger Wind weht vom Atlantik, in der Ferne liegen im Dunst die große Hängebrücke und die Jesus-Statue am anderen Flussufer. Es ist der 31. Dezember, die Stadt ist viel leerer, als im Sommer, doch hier ist eigentlich immer etwas los. Vor zwanzig Jahren kam João aus Brasilien und blieb. Damals war das Leben hier noch langsamer, ruhiger – wenn auch oft karg und arm. In Portugal fühlt er sich sonderbar daheim – diesem Land zwischen den Kontinenten, am äußersten Zipfel Europas, nah an Nordafrika, mit einem Tor nach Amerika. Diesem Land der Seefahrer und der weinend im Hafen zurückgelassenen Frauen und Kinder und den unzähligen Liedern über diese. Er mag die Schwere und die Ruhe der Menschen, die Melancholie, die alle doch, wie auch er, immer mit einem milden Lächeln hinnehmen, ja, umarmen. Früher, im alten Zuhause hat er getrunken, viel, sehr viel. Und eine Menge Dummheiten gemacht. Es hätte ihn fast umgebracht. Lissabon, das war einst sein sicherer Hafen und er ist es geblieben. Viel hat er hier nicht, ein kleines Zimmer im Zentrum, das Geld, das er mit seinen Auftritten verdient, reicht gerade zum Leben. Manchmal gibt er Kurse über Música Popular Brasileira – die Musik, die er spielt und singt, wie andere Menschen atmen.

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João sitzt auf einem kleinen Schemel, dick angezogen, Sonnenbrille und Schildmütze. Das Wasser glitzert, die Möwen kreischen, die Sonne senkt sich und taucht die Szenerie in ein zartes Türkis. Er spielt zumeist Bossa Nova, diese junge und doch schon traditionelle Musik Brasiliens, in der der Samba drei Gänge nach unten schaltet und einen langsamen Engtanz mit dem Jazz eingeht. João hat eine ganz erstaunliche Stimme und Phrasierung, stark, hoch, kraftvoll, absolut durchdingend, aber federleicht, ohne jeden Druck, jede Anstrengung, jedes Wollen. Gitarre spielt er genauso. Es scheint, als ob ES durch ihn hindurch singt und spielt.

Eine Frau kommt vorbei, singt mit ganzer Kraft mit, die Umstehenden strahlen, João schmunzelt, als das Lied zu Ende ist, küsst sie ihm auf die Wange. Später tanzt ein Paar in den Sonnenuntergang. Es gibt eine handvoll Orte am Ufer des Tejo, an denen Musiker oder Bands unter freiem Himmel spielen. Die Allermeisten sind sehr gut, alle kennen einander, nie gibt es Streit und wer am einen Tag noch gespielt hat, geht am nächsten für die Kollegen mit dem Hut durchs Publikum und sammelt die Gage ein. Das Tejo-Ufer, es ist der wahrscheinlich schönste Club Lissabons. Bei freiem Eintritt, vor grandioser Kulisse und getragen von diesem ganz besonderen Gefühl der Melancholie und des Weltschmerzes, das die Portugiesen „Saudade“ nennen.

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Es ist Abend geworden. Heute, an Sylvester, hat sich neben dem Kiosk auf der anderen Straßenseite, eine Band aufgebaut. Der Kiosk verkauft große, eiskalte Biere und Glühwein. Es sind bestimmt 50 Menschen gekommen, die Band spielt rhythmisch und leicht zugleich, alles fließt und verschmilzt, alle singen und tanzen. Nebenan hat eine Familie einen Grill aufgestellt, für kleines Geld gibt es für alle wunderbar zarte Fleischspießchen – mit Rinderhüfte, Hühnchen und Hühnerherzen, dazu eine kalte, erfrischende Salsa und Farofa, ein seltsam knirschendes, getoastetes Maniokmehl. Und mehr kaltes Bier.

João hat eingepackt und ist auch rüber gekommen. Als er an der Band vorbei geht, verbeugen sich die Musiker beim Spielen reihum vor ihm. Er stellt sich an den Rand, wippt zur Musik ein bisschen mit dem Kopf, nimmt einen Schluck Tee aus seiner abgenutzten Thermosflasche. Alkohol trinkt er keinen, schon lange nicht mehr. Ist besser so. Es scheint, als habe er sich irgendwann entschieden, es gut sein zu lassen, mit den Dummheiten, aber nicht, ohne sie zuvor in aller Gründlichkeit ausprobiert zu haben. Sie werden einiges an Schmerz und Trümmern hinterlassen haben. Und der Abschied von zu Hause auch einiges an Sehnsucht. Aber so, wie es jetzt in diesem Moment gerade ist, ist es erstmal gut. Wer weiß, was morgen kommt. Oder im neuen Jahr. Wenn man die Leute hier fragt, dann wahrscheinlich nichts Gutes. Morgen ist leider auch noch ein Tag. Aber heute sind wir noch einmal davongekommen. Darauf noch ein Bier, noch ein Stück vom Grill, ein Lied, ein mildes Lächeln. Feliz ano novo.

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