Die Letzten

fühlen

img_20200210_203644_6515884746848612717518.jpg

Seit vierzig Jahren wohnen Erna und Erich hier. Sie haben sich auf der Weihnachtfeier des Jagdwaffenkombinats kennengelernt. Er arbeitete in der Fertigung als Graveur, sie in der Verwaltung. Ihr gefiel seine künstlerische Ader, sein handwerkliches Geschick und, das er nicht so roh war, so viel quatsche und soff, wie die anderen Kerle. Er mochte ihre kluge Art, ihre Zuverlässigkeit und Ordnungsliebe. Am Rande der Kleinstadt wurde damals für die Arbeiter aus den Fabriken innerhalb von ein paar Jahren ein ganzes Plattenbau-Wohngebiet hochgezogen. Russisches Modell. Wie überall im Land. Erna und Erich bekamen eine der modernen Drei-Zimmer Wohnungen. Ihr Block lag am äußeren Rand der Siedlung, nach vorne sah man nur Platte, soweit das Auge reichte, aber nach hinten, erstreckten sich, am Fuße des Hügels, auf dem das ganze Wohngebiet stand, weite Wiesen, die bis zum Rand eines dichten Waldes reichten. Hier war die Stadt zu Ende.

Die beiden liebten ihre neue Wohnung. Im Sommer saßen sie jeden Abend auf dem Balkon, machten Abendbrot, und manchmal wurde der „Grill“ heraus geholt: Ein kleiner, elektrischer Mini-Ofen, gerade hoch genug, um zwei Toastscheiben mit Wurst und Käse und ein paar Zwiebelringen hinein zu schieben und diese knusprig zu überbacken. Waren die fertig, beträufelten sie sie mit Worchester-Soße und vernaschten sie zusammen mit sauren Gürkchen, Perlzwiebeln und anderem Sauer-Krams. Aber gegrillt wurde auch richtig. Im Sommer wurden ein paar Gemeinschafts-Grills auf die Asphaltplatten vor den Blocks gestellt. Es gab frische Thüringer Bratwürste, Nackensteaks mit Senf, Bier und Zwiebeln mariniert und Cevapcici, längliche Frikadellen mit viel Paprika, Zwiebeln und Knoblauch gewürzt. Dazu pappige Semmeln, Bier aus kleinen bauchigen Flaschen und Korn zum Schluss. Das ganze Wohngebiet roch nach Fleisch und Holzkohle, die Kinder baumelten von den Klettergerüsten und buddelten im Sandkasten. Die Männer tranken, rauchten und wendeten das Fleisch auf den Grills, die Frauen trugen Klapptische auf den Gehweg, stellten Gläser und Limonade-Flaschen, den milden Born-Senf und Gläser mit selbstgemachten Chutneys darauf. Zum Essen hatte einer einen Kasten Budweiser Bier besorgt, ganz schwer zu kriegen. Gedankenverloren pulten die Männer an den goldig glänzenden Manschetten der Bierflaschen-Hälse.

Jetzt sind alle fort. Nur Erna und Erich sind geblieben. Nach der Wende schloss das Kombinat. Wer konnte, ging weg, wer nicht, den zog es bald weiter den Hügel nach unten, in die Stadtmitte. Das Wohngebiet verwaiste. Die Wohnungsbaugenossenschaft kündigte niemandem, die Blocks wurden einfach leergezogen: Zog einer aus, blieb wie Wohnung leer, war der ganze Block leer, wurde er abgerissen. Aber sie wollten nicht fort. Auch ihr Block wurde leerer und leerer. Bald waren sie in ihrem Aufgang, in dem über fünf Stockwerke zehn Wohnungen lagen, die einzigen. Im Winter wurden die Fußböden kalt und die Fernheizung in der Wohnung bollerte und gluckerte auf Hochtouren. Auf dem Spielplatz rosteten die Klettergerüste vor sich hin, der Wind spielte mit den quietschenden kleinen Karussells. Im Sommer stand das Gras auf den Grünflächen mannshoch, im Winter türmte sich der Schnee auf den Wegen, keiner streute oder räumte mehr. Irgendwann waren sie alleine im ganzen, bestimmt hundert Wohnungen fassenden Block. Die Genossenschaft schickte immer wieder Mitarbeiter vorbei, um Erna und Erich zu überreden, doch endlich auszuziehen, das müssen sie doch verstehen, so funktioniere das nicht. Aber sie wollten einfach nicht. Irgendwann war ihr Block der einzige am Rand des Hügels, an dessen Fuß sich die Wiesen öffnen, bis zum Waldesrand. Sie waren in ihren Sechzigern. Sie waren hier zu Hause. Sie wollten nicht weg. Das war alles, was sie wollten. Nicht weg. Hierbleiben. Der Wind pfiff durch die leeren Flure, an den Balkonen rappelten die Blechverkleidungen, in den Kellern suchten, besonders in den kalten Wintern, die Wildtiere Zuflucht, auf den Parkplätzen stromerten Füchse herum, auf den Wiesen grasten die Rehe.

Die Zentralheizung wurde als erstes abgestellt. Erich schweiste im Keller einen kleinen Holzofen zusammen, zum Heizen und mit einer Herdplatte zum Kochen. Erna holte Holz aus dem Wald. Dann blieb auch der Strom weg. Es machte ihnen nicht viel aus, Fernsehen hatte sie nie interessiert, und das alte Kofferradio funktionierte ja auch noch mit Batterien. Als auch das Wasser wegblieb, schleppte Erich eine Regentonne auf das Dach, im Sommer holten sie sich Wasser aus einem Bach. Einmal die Woche wurde gebadet, Erna erhitze Wasser in großen Töpfen auf dem Herd und goss es in die alte Badewanne. Nur selten und nur wenn es unbedingt sein musste, machten sie sich auf den Weg in die Stadt. Es dauerte fast einen ganzen Tag, den Hügel hinunter, und dann, schwer beladen, wieder hinauf zu steigen. Zu Hause war es ruhig. Und grün. Pflanzen kletterten die Häuserfronten empor, die Birken, die die Bauarbeiter vor Jahrzehnten gepflanzt hatten, wurden zu einem kleinen Wald, in dessen Blättern der Wind, besonders im Frühling und Herbst, rauschte. Erna und Erich lagen dann auf ihrem abgewetzten Kanapée und lauschten. Auf den Fluren sammelte sich der Staub und die Blätter vom letzten Herbst. Unter dem Dach nisteten Vögel und Fledermäuse. Sie würden ewig hier bleiben, dachten Erna und Erich. Längst hatte man sie vergessen. Nie verirrte sich ein Besucher in die Gegend. Sie waren Waldmenschen geworden, die Natur hatte sich die Siedlung zurück geholt, bis auf Erna und Erichs kleine, schöne, moderne Wohnung.

3 Gedanken zu “Die Letzten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s