Der Frosch

fühlen

Die Luft flirrt in der Mittagshitze. Es riecht nach gebackenem Asphalt, Bremsabrieb und trockenem Gras. Das kleine Dorf auf dem Kamm der Berge döst in der warmen Schwere. Es ist still, der Wind wirbelt Staub auf, der langsam zu Boden sinkt. Am Dorfrand öffnen sich weite, wilde Wiesen, mit Blumen und duftenden Kräutern, die in der Hitze ihre Essenzen freigeben, Ein Junge, vielleicht sieben Jahre alt, rennt über den Feldweg, in einer Senke in der Ferne, kurz vor dem Waldrand, glizert ein kleiner Stausee.

Oma, eine rundliche, gutmütige Frau und eine Freundin wackeln hinterher. In einem Stoffbeutel haben sie Kuchen dabei, selbstgebacken, mit Rhabarber und butterigen Streuseln. Vom Waldrand weht Kühle hinüber. Und der Duft von Harz, Bärwurz und wildem Thymian. An einer Bank macht die Gruppe halt. Die alten Frauen packen den Kuchen aus und drei kleine Gläser, gießen hausgemachten Sirup von den roten Johannisbeeren des letzten Sommers ein und verdünnen ihn mit Sprudel. Der Junge schlingt den Kuchen hinunter, schnell noch ein Glas vom Sirup und dann das letzte Stück den Hang hinab zum Teich. Das Wasser ist tief und klar, Seerosen, Libellen, Schwärme von kleinen Fischen. Auf der einen Seite läuft ein kleiner Bach über die Felder gen Wald. Hunderte kleiner Frösche sitzen in dem Bachlauf, wahrscheinlich erst ein paar Wochen alt. Der Junge hat das Sirupglas in der Hand und rennt den Fröschen hinterher. Irgendwann bekommt er einen zu fassen. Er hält ihn sanft, gerade mit soviel Kraft, dass er nicht davonhüpft. Durch seine Hand meint der Junge, das kleine Herz des Frosches panisch schlagen zu spüren. Seine kleinen, tiefbraunen Augen funkeln in der Sonne, seine Haut ist kühl, feucht und weich, die kleinen Hände stemmen sich gegen den Griff des Riesen. Der Junge liebt dieses kleine Wesen. Gleich hinter dem alten Schweinestall des Hauses der Großeltern steht eine große Blechwanne voller Wasser. Großvater füllt dort immer die Gießkannen für den Garten. Dort, so denkt er, hätte er den Frosch den ganzen Sommer lang bei sich. Er füllt das Sirupglas mit ein bisschen Seewasser, setzt den Frosch hinein, und läuft los, Richtung Hof. Eine Stunde wird er brauchen, er ruft etwas in die Richtung der alten Frauen, dann geht es los, durch die Wiesen, den Hang hinauf, auf den staubigen Weg. Je weiter er sich von See und Waldrand entfernt, umso trockener und heißer wird die Luft. Die Wand des Glases beschlägt mit dem verdunstenden Wasser und dem Atem des Frosches. Der Junge läuft schneller, der Frosch schnappt nach Luft, das Wasser scheint zu kochen, wie in einem Teekessel. Der Junge beginnt zu rennen, die Hand schützend über dem Wasserglas. Der Rand des Dorfes taucht auf. Weiter über den heißen Asphalt, vorbei an den schlafenden Häusern, den leeren Vorgärten, den ausgestorbenen Straßen. Noch eine Ecke, dann sind sie an der kleinen Gasse angekommen, die zum Hof der Großeltern führt. Das Herz des Jungen pocht bis in seinen glühenden Schädel. Das Glas ist milchig beschlagen vom verdunsteten Wasser, der Frosch sitzt auf dem Trockenen. Mit zitternden Händen schüttet der Junge das Tier in die große, dunkle, kalte, mit Wasser gefüllte Blechwanne. Der Frosch sinkt mit ausgestreckten Gliedmaßen regnungslos auf den Grund. Ganz langsam, tiefer und tiefer. Seine leuchtende Haut verblasst in der Dunkelheit des Tanks. Es ist still, kein Vogel, kein Blatt im Wind, kein Auto, kein Mensch. Dem Jungen kommen die Tränen. Im ist unendlich elend zumute. Wie konnte das passieren? Er setzt sich auf die verwitterte Holztreppe, die zum Heuboden hinauf führt und weint. Sein Leben lang wird er, tief in seinem Herzen, der ängstliche, zerbrechliche kleine Junge bleiben, dem die Tränen kommen, wegen eines toten Frosches.