Über ein Stigma. Oder: Ob Menschen mit Übergewicht Freude am Essen haben dürfen.

fühlen

„Warum sind eigentlich so viele Menschen unzufrieden mit ihrer Figur und so wenige mit ihrem Hirn?“ – Vincent Klink

Dürfen übergewichtige Menschen Freude am Essen haben? Die allgemein verbreitete, kurze Antwort: Nein, dürfen sie nicht. Ein essender Dicker ist allein schon eine Provokation. Tut er oder sie das auch noch mit Freude, ist das eindeutig geisteskrank. Früher, in den Nachmittagstalkshows, waren Dicke, die stolz verkündeten, das sie sich gut fänden, so wie sie seien, maximale Aufreger, auf einer Ebene mit Sozialbetrügern und Ehebrechern. Vielleicht sind wir heute mehr p.c. als damals, aber ich glaube nicht, dass sich an dieser Wahrnehmung viel geändert hat.

Ich für meinen Fall finde mich nicht gut, so wie ich bin. Mein Übergewicht hat aber auch nur nachrangig mit dem zu tun, was ich so esse. Dennoch habe ich mich immer wieder gefragt, ob es mir überhaupt zusteht, einen Blog wie diesen hier zu betreiben. Sollte ich nicht permanent und ausschließlich damit befasst sein, abzunehmen?

Doch um mich geht es mir hier eigentlich nicht so sehr. Worum es mir geht, ist einmal über das mit der Sache verbundene Stigma zu berichten. Über die Gefühle, die bei den Betroffenen dadurch entstehen und deren Folgen. Ich habe Situationen erlebt, bei denen ich genauso viel oder wenig gegessen habe, wie alle anderen am Tisch und mich erklären musste. Mein Arzt sagte mir neulich, ich müsse dringend aufhören, zu rauchen. Dabei rauche ich gar nicht. Ich möge die Süßigkeiten weglassen, ich esse aber kaum welche. Aber es passt ins Bild: wer dick ist, raucht bestimmt auch und ist eh schwach und inkonsequent. Auf die Frage, ob man etwas essen will, kann man bei den entsprechenden Leuten nur falsch antworten. Will man nix, heisst das „Komm, du hast doch immer Hunger.“ Will man was, ist das klar, typisch dick.

Was daraus entsteht ist oft ein wirklich gestörtes Scham-besetztes Verhältnis zum Essen. Das Thema wird heimlich, irgendwie schmutzig, verboten. Und in der Heimlichkeit dann eben doch oft entgrenzt. Im stillen Kämmerlein dann endlich exzessiv tun, was einem alle missgönnen. Und sich selbst hat man in der Sache oft eh abgeschrieben. Egal, wird nix, bringt nix. Irgendwann, so scheint es, ist man kein Mensch mehr, nur noch ein Dicker.

Ich habe mich irgendwann entschieden, dass ich es nicht so weit kommen lassen will. Wir alle müssen essen, dick oder dünn. Tun wir es nicht, sterben wir. Und wenn wir es schon tun, dann sollten wir, verdammt nochmal, Freude dran haben. Und diese Freude will ich gerne mit den Menschen teilen, die um meinen Tisch sitzen. Denn Leute füttern, das ist einfach in mir drin. Alle meine Freunde wissen das. Wenn man mit mir ist, muss man nie mehr hungrig sein.

Ich wäre nach wie vor gerne leichter. Möglicherweise, nein, ganz sicher, führt der Weg dahin aber nicht über Kummer und Scham, sondern über bedingungslose Selbstliebe. Das ist, dick oder dünn, nicht leicht. Aber den Versuch ist es sicher Wert.

4 Gedanken zu “Über ein Stigma. Oder: Ob Menschen mit Übergewicht Freude am Essen haben dürfen.

  1. Jetzt hatte ich einen längeren Kommentar geschrieben, aber entweder wartet der noch auf Freischaltung oder die WP-Plattform hat ihn „verschluckt“. Jedenfalls wollte ich in der Hauptsache sagen, dass mir Dein Blog und Deine beobachtbare Freude an guten und gesunden Speisen, deren Zubereitung und Genuß ebenfalls ein Genuß ist und ich hoffe, dass Du diese Leidenschaft aller möglichen Vorurteile zum Trotz weiter lebst! Und falls Du das eine oder andere Pfund dennoch loswerden möchtest: Ich finde, die Ayurvedische Ernährungsweise hat viel Brauchbares zu bieten und berücksichtigt vor allem auch unterschiedliche Temperaments- und Körpertypen.

    Wie auch immer: Deine kulinarischen Kreationen sind großer Sport, Hochachtung und Beifall sowie geteiltes Leid – aus anderen, aber nicht ganz unähnlichen Gründen – in bezug auf das Stigma. Keep on cooking! (Im doppelten Sinne, also auch musikalisch 😉 )

    Herzliche Grüße,
    W.

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  2. Das Klischeebild „Dick = isst viel“ & „dünn= isst wenig“ steckt sicher in den meisten Köpfen drin. Einen gewissen wahren Kern hat das Ganze zwar, weil die meisten Menschen sich ihr Gewicht im Laufe des Lebens durch „mehr essen, als sie verbrauchen“ angefuttert haben, aber trotzdem ist es verständlicherweise unangenehm, wenn einem so ein Bild unpassenderweise übergestülpt wird.

    Ich denke zum Teil neigen Menschen dazu, das zu sehen, was sie erwarten. Deshalb isst du in ihren Augen dann viel, obwohl du relativ oder absolut betrachtet gar nicht viel gegessen hast.
    (Funktioniert bei Dünnen andersherum genauso: Die essen dann angeblich kaum etwas, obwohl sie genauso viel oder gar mehr als die anderen gegessen haben.)

    Neu ist mir, dass man übergewichtigen Menschen unterstellt, zu rauchen. … Eigentlich schwebt mir da mehr das Klischee des dürren Rauchers durch den Kopf, der Dank Nikotin kaum Hunger hat und der Figur wegen auch nicht aufhören mag.

    Was hat denn der Arzt gesagt, als du ihn damit konfrontiert hast, dass du gar nicht rauchst?

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  3. Ich kenne das Gefühl, dass man keine Freude mehr am Essen haben darf. Ich bin nur ein wenig übergewichtig, BMI ist unter 30. Ich werde von der Öffentlichkeit nicht als übergewichtig wahrgenommen, aber traurigerweise werde ich diesbezüglich von meiner Familie und vor allem meiner Mutter diskriminiert. Wenn ich mal etwas ungesundes esse wie Fondue oder Pommes, wird immer darauf hingewiesen, dass das aber viele Kalorien hat. Und wenn ich beim Familienessen nachschöpfen will, wird gefragt, ob ich denn noch nicht genug gehabt hätte. Bei meinen beiden normalgewichtigen Brüdern wird dann eher gesagt, dass die das halt brauchen. Das verdirbt mir tatsächlich jedes Familienessen, weil ich nicht so essen kann, wie ich gerne würde, weil ich mich immer beobachtet fühle wie viel Käse ich drüber reibe, wie viel Sauce ich nehme oder ob ich noch Nachschlag nehme. Ich kann meiner Mutter auch nicht von einem netten Essen mit Freunden erzählen, weil es dann immer irgendwelche Kommentare gibt. Es macht mich sehr traurig, darauf reduziert zu werden und nicht mehr als Mensch mit vielen tollen Eigenschaften wahrgenommen zu werden, sondern nur als die übergewichtige Tochter, deren erste Priorität das Abnehmen sein sollte und die sowieso mehr Sport machen sollte. Das ich noch ganz viel anderes in meinem Leben habe, geht dabei unter.

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