Franz hat Geburtstag

fühlen

Franz ist vielleicht Mitte 50. Relativ schlank, kurze blondierte Haare. Fußballer, das sieht man sofort. Gegerbte Haut, stramme Waden. Ein richtiger Weiberheld. Jetzt liegt Franz eineinhalb Meter rechts von mir.

Seine rechte Körperhälfte ist komplett regungslos. Mit der linken kann er ein bisschen was. Seinem Gesicht fehlt jegliche Mimik. Ist er wach, schaut er ins Leere. Oder auf den winzigen Fernseher an der Seite seines Bettes. Wenn der niedrig genug hängt, sieht er ein bisschen was. Am Fußende seines Bettes, wo Franz es immer im Blick hat, hängt ein Löwen Trikot mit bestimmt 30 Unterschriften von Freunden. FRANZE steht drauf, sein Spitzname.
Die Geräte am Ende der Verkabelung piepen. Heißt wohl, er soll mehr atmen. Macht er aber nicht. Warum auch, denke ich. Er kann kaum Sprechen, Brei Essen lernt man nach dem Schema „Schlucken, Schlucken, Abhusten“. Aber Essen, das will er genau so wenig, wie regelmäßig Atmen. Jeden Tag kommt seine Frau. Das weibliche Gegenstück zu ihm, nur in heil. Braungebrannt, blondiert, voller Glitzerkram, laut. Sie schnattert pausenlos auf ihn ein. Gibt Ratschläge. Will helfen. Positiv sein. Das Gefühl, die Bewegung, das „kommt alles wieder, wirst schon sehen“. Die Schwestern sagen auch, er mache tolle Fortschritte. Wenn es Franz zu bunt wird, mobilisiert er seine ganze Kraft: „Won foahst’n wiada?“ Sie lacht und plappert die Kränkung weg.
Ich, eineinhalb Meter weiter, fühle mich wie ein Betrüger. Ich sollte eigentlich gar nicht hier sein. Zu jung, zu gesund, zu beweglich. Ich kann ohne Hilfe aufstehen, sprechen, essen, mich anziehen, laufen, atmen. All das fühlt sich für mich, direkt unter Franz‘ Nase, wie eine Unverschämtheit an. Ich will irgendwas sagen, aber mir fällt nichts ein, was nicht unglaublich dumm klänge. Außer „Guten Morgen, Franz.“, „Licht?“, „Willst du was?“, „Alles ok?“. Ist wahrscheinlich auch besser so.
Und ganz so leicht, wie es für Franz aussieht, ist mein Leben dann gerade auch wieder nicht. Ich bin nicht ohne Grund hier und neben mir liegt meine größte Angst: Das ich auch irgendwann mal so da liege. Morgen, in einer Woche, einem Monat, einem Jahr, in fünf Jahren? Alles schlimm. Ein böser Traum, zum Greifen, Anfassen, Riechen nah. Best case und worst case der selben Sache auf 10 qm. Für beide schwer auszuhalten.
Es ist früh am Morgen. Ich gehe auf die kleine Raucherterrasse der Klinik. Mein pappiges Frühstücksbrot mit Industriekäse und der dünne Filterkaffee schmecken himmlisch. Ich weiss gar nicht, wann mir zuletzt etwas so gut geschmeckt hat. Draußen ist es feucht, sonnig, nicht zu kalt. Gelbes Laub, nasses Gras. Ein schöner Sonntag im bayrischen Herbst. Perfekt zum Pilze Sammeln, denke ich. Und dabei kommen mir die Tränen.
Am nächsten Tag hat Franz Geburtstag. Die Schwestern tauschen sein Krankenhaushemd gegen Sportklamotten und bugsieren ihn in den übergroßen Rollstuhl. Zu viert dauert das alles fast eine Dreiviertelstunde. Franz‘ Frau ist die Erste, sie knuddelt und knutscht ihn. Die beiden Töchter schieben sich ins Zimmer, alle drei quasseln, lachen, streichen Papa über das kurze Haar. Ich lasse sie ein bisschen allein. Als ich wiederkomme, ist Party in unserem kleinen Zimmer. Die Jungs von der Arbeit sind gekommen, die Fußballer und mehr Freunde. Es ist laut, alle quatschen, reißen Witze. Bayern halt, tendenziell unkaputtbar. Die Töchter haben einen Kuchen gebacken, den gibt’s heute auf der Terrasse der Klinik.
Es wird bis zehn Uhr abends dauern, bis der letzte Besuch gegangen ist. Der Raum platzt vor Luftballons, Lebkuchenherzen, Bildern, Blumen, Karten. Die, die nicht kommen konnten, haben Videos und Sprachnachrichten geschickt. Alle abzuspielen dauert fast eine Stunde. Franz ist kaputt, vollkommen hinüber. „Das war ein schöner Tag heute“, sage ich. „Jo, des woas.“ pflichtet Franz bei. „Hast tolle Leute um dich.“ „Jo, stimmt.“ Franz ist aufgetaut, unter der Wärme dieser Leute. Sein Gesicht, gestern noch eine gefrorene Maske, ist lebendig. Lächeln geht noch nicht. Aber seine großen, blauen Augen, die strahlen. Die Maschine, die zur Erinnerung ans regelmäßige Atmen piepsen sollte, ist still. Geht von allein. Abendessen kommt heute nicht aus dem Schlauch. Seine Frau hat Franz eine Tomatensuppe gekocht. Jetzt, im Herbst, gibt es ja mal gescheite, frische Tomaten. Die Schwester füttert Franz, zunächst vorsichtig, dann mutiger. Er schafft die ganze Schüssel. Ist aber auch zu gut, toll, so eine Suppe, viel besser, als der ewige Brei, den er nie anrühren mochte. Morgen, hat seine Frau versprochen, gibt es Kürbissuppe. Mit frischer Hühnerbrühe. Und viel Butter. Das gibt Kraft. Zum Aufstehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s