Wie die Auster ins Stüberl kam

Es ist heiter im Stüberl. Am Tresen sitzen die Stammgäste: Specht, mit schon rot angelaufener Halbglatze und verschmitzem Grinsen, Schorschi, eine imposante, Ruhe, Freundlichkeit und Autorität ausstrahlende Erscheinung und Franzi, der ex-Gegeimdienstler, von dem man nie weiss, ob er einen gerade komplett auf den Arm nimmt oder seine Geschichte wahr ist, so unlesbar ist sein Pokerface. Hinter dem Tresen steht Gerdi, wie jeden Tag seit dreißig Jahren. Sie ist der wichtigste Grund, aus dem die Jungs herkommen. Mutterersatz, Freundin, Schwester, alles zusammen. Seit zehn Uhr morgens fließt das Weißbier. Langsam, aber stetig. Zehn, fünfzehn werden es schon pro Kopf bis zum Feierabend. Saufen tut hier trotzdem keiner. Jeder einzelne der vielen Schlucke ist eine Meditation. Schnaps gibt es keinen. Bringt nur Streit, sagt Schorschi. Und Wein schon gar nicht. Den sanften Glimmer über den Tag zu verteilen, ohne schlapp zu machen, das geht am besten mit Bier. Alle erzählen Witze, plaudern, Gespräche nicht zum Erkenntnisgewinn, sondern als rein sozialer Vorgang. Alle vier, die Jungs und auch Gerdi, sind nicht nur gute Trinker, sondern auch gute Esser. Manchmal, wenn das Rheuma sie lässt, kocht Gerdi in der kleinen Küche der Kneipe etwas für ihre Stammgäste. Böfflamott, Kochfleisch mit Meerrettich, Schweinsbraten. Natürlich nur auf Einladung. Und gut ist es. Die Jungs sind allesamt Wittwer. Gerdis Küche erinnert sie an die Ihrer Frauen. Und an die von Mama. Die Gespräche kreisen jetzt ums Essen.

Franzi meint, vor ein paar Jahrzehnten hätte er in der Bretagne das erste und einzige Mal in seinem Leben frische Austern gegessen. Er sei eingeladen gewesen. Erst habe er sich sich recht geekelt vor dem „Schlaaz“, aber er wollte dann doch nicht kneifen. Und mit der Zeit, zusammen mit viel kaltem Wein, sei es ganz angenehm geworden. Kein Vergleich mit so einem Schweinsbraten. Aber irgendwie aufregend.

Der Bayer weiss ja, was er mag und noch viel mehr, was er nicht mag. Aber der Bayer ist auch durchaus weltläufig. Hauptsache er ist abends wieder daheim. Das das mit den Austern, so einigt man sich schnell, das müsste man mal zusammen machen. Am Viktualienmarkt, beim Fisch Witte,wo am Wochenende die Neureichen im Sylt Outfit die Austern mit Champagner runterspülen, weil man es halt macht wenn man neureich und in München ist, würde sie alle das Grausen packen. Und sonst kennt keiner einen Laden, wo man Austern kriegt. Aber Gerdi weiss was: Immer am Mittwoch kommt der Alexis auf sein Feierabendbier vorbei. Der arbeitet in der Wäscherei des weltberühmten Sternerestaurants „Tantris“. Und der ist ein netter Kerl, der kann da bestimmt was machen. Und so geht’s dahin: Am nächsten Donnerstagmittag stehen im Stüberl acht Dutzend Austern auf dem Tisch, die wahrscheinlich am Vortag noch im Meer hingen. Frisch vom Parisier Großmarkt, aus der Tantris Küche für kleines Geld beschafft. Und todsicher tausendmal vitaler und besser als die vom Neureichen-Standerl am Viktualienmarkt. Gerdi hat Eis besorgt und ein Austernmesser. Schorschi setzt beherzt an und hebelt an der ersten Muschel herum. Sie wirkt winzig in seinen Riesenpranken. Zefix, gar nicht so leicht, richtig fest zu die Dinger. Mal eine andere probieren. Doch auch die hält dicht. Bei Nummer drei schließlich klappt es. Knack und auf. Die nächste auch. Schnell hat Schorschi den Dreh raus. Er stapelt offene Austern auf großen Platten mit Eis. Gerdi legt Zitronenviertel dazu, belegt Pumpernickel mit Cheddar und schneidet die Brote ein kleine Würfel, die sie auf Zahnstocher aufspießt. Kleingehackte Schalotten werden mit Rotweinessig gemischt. Schließlich ist man hier nicht auf der Brennsupp’n dahergeschwommen. Noch ein Moitivations-Weißbier. Dann wird der Nymphenburger Sekt aufgemacht. Ein Schluck, dann Augen zu, Schlürfen, brrrrr, schnell ein Stück Käsebrot, ein weiterer Schluck kalter Sekt. „Spechti, du musst draufbeißen auf die Viecher sonst leben die bei Dir im Magen weiter.“ Spechti verschluckt sich. Die Runde johlt. Zweite Runde, ein bisschen mehr Schalotten-Essig, mehr Sekt. Schon besser. Macht irgendwie wach und fröhlich und leicht. Ständig könnt man es nicht haben. Aber heute schmilzt der Tag dahin in einem wunderbaren Nebel aus Sekt und Meeresgeschmack, ein frischer Wind weht von der französischen Atlantikküste durch das sonst stickige, leicht muffige Stüberl. Was für ein Tag. Was Neues schmecken, was Anderes, was Aufregendes. Gerdi sperrt zu, setzt sich mit an den Tresen, was sie sonst nie tut. Irgendwann sind alle satt. Gerdi räumt die Platten nach hinten. In einer der Kisten liegen noch die zwei Viecher, die der Schorschi am Anfang beim besten Willen nicht aufbekommen hat. Beim Umdrehen in der engen Küche, stößt Gerdi an die Kiste, die unbemerkt hinter die Kühltruhe rutscht. Zurück am Tresen noch ein paar, oder ein paar mehr Weißbier für den Heimweg.

Noch oft, noch jahrelang werden sie immer wieder von diesem Nachmittag reden. Sie werden schwärmen vom Geschmack und Gefühl der fremden Spezialität. Sie werden übertreiben darüber, wie viele Dutzend der Viecher jeder vertilgt hat. Und dann werden sie sich die bebenden Wampen halten vor Lachen darüber, wie es in der nächsten Woche im Stüberl von Tag zu Tag immer mehr und immer schlimmer gestunken hat. Bis der Klempner kommen musste, nach den Rohren sehen, aber nichts fand. Und Gerdi dann den ganzen Laden geputzt hat, es aber nicht besser wurde. Und schließlich die Kühltruhe wegschob und unter Würgen und Husten zwei schwer verweste Austern ins Freie beförderte.

Ein Kommentar

  1. Ursula Gaisa · Juli 5

    Wunderbar!

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