Der berühmte Geiger

Es ist unser bisher teuerstes Konzert. Gage und Produktionskosten zusammengerechnet liegt die Kalkulation im sechsstelligen Bereich. Die gut 800 Tickets sind deshalb richtig teuer – und trotzdem innerhalb von einer Woche ohne jede Werbung weg. Der berühmte Geiger kommt in die Provinz. Und ich soll mich um ihn kümmern. Der Hospitality Rider, also der Vertragszusatz, der Unterbringung, Transport und Catering regelt, ist vierzig Seiten stark. Der mit Abstand umfangreichste, den ich bis dato gesehen habe und auch bis heute sehen werde. Ich glaube, der von den Stones ist dünner. Das heisst, die Stones bringen ihren Kram immer selbst mit. Der berühmte Geiger nicht.

Die Emails und Telefonate mit dem englischen Management haben von Anfang an einen bedrohlichen Ton. Der Chef Tourmanager ist ein harter Knochen, der schon mit den Iron Maiden & Co. unterwegs war. Doch auch ihm merkt man die Anspannung hinsichtlich des Umgangs mit dem berühmten Geiger an. Alle Änderungs- und Abspeck-Vorschläge des Hospitality Paketes, das Produktions-Euros frisst wie ein Rottweiler mit einem T-Bone Steak, werden, schon aus Prinzip, so scheint es, abgeschmettert. Auf meine Nachfrage am Telefon, ob das Handling des berühmten Geigers denn wirklich so schlimm sei, höre ich „You could’t imagine it. It’s a nightmare.“ Na prima. Ab jetzt ist es auch mein Albtraum.
Der Rider muss also Punkt für Punkt erfüllt werden. Einen Tag vor Eintreffen des berühmten Geigers würde ein Team kommen und alles checken und freigeben. Von den 12 Zimmern im 100 km entfernt gelegenen Luxushotel, über die schwarze Mercedes S Klasse zur Abholung (no replacements) bis zur High End Hifi Anlage, die in der Hotelsuite stehen muss, falls der Künstler Lust verspürt, Musik zu hören. Zeit wird er dafür nicht haben, bei der Entfernung zum Auftrittsort.
A propos Auftrittsort: Der berühmte Geiger wünscht sich ein Klavierzimmer mit frisch gestimmtem Flügel, nur für den Fall, dass er Lust hat, zu spielen (einen Pianisten gibt es nicht in der Band). Ein weiteres Zimmer zum Geige Üben muss, ob des Millionen-teuren Instruments, auf exakt 65 % Luftfeuchtigkeit und 21 Grad gebracht werden. Und das im Hochsommer. Dazu klappere ich die Baumärkte nach Luftbefeuchtern und Entfeuchtern, tragbaren Klimageräten und Thermometern und Hygrometern ab. Auch das, so drohte man mir, würde vorab geprüft und gemessen. Alleine die KIima-Arie füllt ein paar A4 Seiten Anweisungen mit vielen kursiv und fett gedruckten und mit Ausrufezeichen verstärkten Passagen. Meine Frage, was für einen Sinn der ganze Aufwand habe, wenn der berühmte Geiger später doch open air, also mit normalem Klima spielen würde, wird abgebügelt.
Obwohl die Band nebst Familie und Entourage im Sternerestaurant des Hotels essen wird, füllen auch die Backstage Cateringanweisungen, also das zum Knabbern nebenbei, mehrere Seiten. Eine „sushi platter for ten persons, prepared not longer than one hour upon arrival“ steht drauf, auch, alles für zehn: Barbecue Chicken (der Caterer wir später ein Huhn in handelsüblicher Barbecuesoße ersäufen), Polish Vodka und zehn Flaschen Veuve Cliquot Champagner.

Der Tag des Konzertes ist da. Ich bin um sieben aufgestanden und stehe zwei Stunden später im Backstage. Die Klimageräte rauschen, der Flügel kommt und wird gestimmt, zwei Caterer kümmern sich um das Futter. Nervöses Personal wuselt überall herum, prüft, telefoniert, diskutiert. Der Springer muss mehrfach weg und irgendwelchen Extrakram besorgen. Am späten Nachmittag steht alles. Ankunft berühmter Geiger, den man, wüsste man es nicht, nicht erkennen würde, denn er sieht aus wie ein Bahnhofspenner. Zur Begrüßung streckt er mir die geballte Bro-Faust entgegen. Ich bin aus der Provinz, kenne die Geste nicht, ergreife seine Faust und schüttele sie hilflos. Es ist Champions League, der berühmte Geiger fragt mich, was ich über das aktuelle Spiel denke. Ich sage wahrheitsgemäß „I couldn’t care less“. Er lacht nur und meint, wenigstens sei ich ehrlich. Später lerne ich, dass der berühmte Geiger religiös-Fußball-besessen ist und gerade nicht unerhebliche Anteile seines liebsten englischen Clubs GEKAUFT hat. Beim Anblick des Backstage Caterings überraschte Reaktion an die Runde „oh, look at all this food!“. Er setzt sich vor die Sushiplatte und klaubt sich von den Nigiri den Fisch herunter. Dann packt er seine fünf Millionen Pfund Geige aus, setzt sich auf die Treppe hinter dem Backstage und spielt. Die Klimakammer bleibt unberührt. Der Flügel auch. Aber WAS er spielt, ist, besonders aus der Entfernung von zwei Metern, so berührend, dass einem der Atem stockt und mir die Tränen kommen. Ich habe schon oft erlebt, welch tröstende Wirkung Musik in Momenten maximalen Stresses haben kann. In dem Moment bin ich froh. Der berühmte Geiger ist da, tiefenentspannt und bester Laune. Auch die Crew entspannt sich.
Vom Konzert kriege ich nicht viel mit. Die Leute feiern es. Ich habe nach zwölf Stunden das erste Mal einen Moment, etwas zu essen. Nach dem Gig signiert der berühmte Geiger Platten, quatscht mit den Fans und verschenkt (!) die zehn Flaschen Champagner ans Publikum. Meine Chefin steht daneben und schaut wie jemand, der gerade einen Mord plant. Irgendwann schwankt der berühmte Geiger froh und besoffen Richtung Auto. Bro-Faust, Tür zu, weg isser. Wir verbringen bis in die frühen Morgenstunden damit, den ganzen Kram wieder zurück zu bauen und zu verladen. Die Techniker, auch schon 20 Stunden auf den Beinen und von den Anforderungen und dem Gehabe der Künstler mürbe, fangen an, sich anzuschreien, was fast in Handgeiflichkeiten ausartet. Kurz darauf vertragen sie sich wieder, beschließen, sich hinzulegen, doch in dem Moment fällt die Tür zum Backstage zu. Die Jungs wickeln sich in Mollton ein und legen sich zum Schlafen auf die Bühne.
Es ist vier Uhr morgens, noch eine Stunde Heimfahrt, denn für uns gibt es kein Hotel. Ich nehme noch zwei Thekenkräfte mit und bringe sie heim. Von der Fahrt weiss ich am nächsten Tag absolut nichts mehr. Die Mädels sagten mir später, sie hätten mehrfach versucht, mit mir zu reden, aber ich hätte einfach nicht geantwortet. Ein Wunder, das wir unbeschadet angekommen sind. Der berühmte Geiger reist indes weiter, an einen neuen Ort, mit neuen Klimaanlagen, Champagner zum Verschenken und Sushi zum Auseinanderfummeln. Berühmt müsste man sein…..

2 Kommentare

  1. Werner Nieke · Juni 20

    Unfassbar… Also mal abgesehen von dem tatsächlich mordlüstern machenden Aufwand, dem Nervenstress usw. – bin ich so begriffstutzig oder war der berühmte Geiger gar nicht der Albtraum, als der er – im handling – angekündigt war? Oder hattet ihr einfach einen guten Tag erwischt und wenn er nicht glücklich ist und die bro-Faust zur Begrüßung reicht, wird’s dann wirklich ein Albtraum? Hm. Hätte nicht gedacht, dass dieses business dann doch noch Mysterien (für mich) bereithält…

    Jedenfalls… die Rückfahrt im Autopilot-Modus ohne Sprachausgabe… ja, solche Tage sind mir noch wohlbekannt… 😉 (obwohl sie schon einige Dekaden zurückliegen)

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  2. michagottfried · Juni 20

    Meine Erfahrung ist, dass solche Leute immer so lange cool sind, wie alles nach ihren Vorstellungen läuft. Aber wehe, wenn nicht. Erinnere mich daran, wie ein im ersten Moment absolut handzahmer Künstler das Brüllen anfing, als man ihm Wasser aus einer Plastikflasche reichte, obwohl der Rider Glasflaschen forderte. Man muss aber auch sagen, nach über 15 Jahren im Musikgeschäft und hunderten von, stellenweise wirklich weltberühmten Künstlern, sind solche Erlebnisse die absolute Ausnahme.

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