Dummheit ist auch keine Lösung

Morgens in der S-Bahn sehen alle gleich scheisse aus. Selbst die Hübschen, Jungen und Dünnen. Schlecht aufgetragenes Make-up und fleckig gefärbte Haare leuchten im kalten Licht, Wampen und Speckrollen quellen aus Hemden, Hosen und Röcken, Halbglatzen glänzen im Schweiß der morgendlichen Eile. Man sieht vergebliche Diäten, verfahrene Jobs, Schulden, hohen Blutdruck, es riecht nach sauren Ausdünstungen, kalter Asche, Bierfahnen, Kaugummi, Backshop, Bremsabrieb und feuchtem Zeitungspapier. So lange geschlafen und schon wieder so müde. Mittendrin eine Vierergruppe junger Männer. Plastik-Sonnenbrillen, Plastik-Goldketten mit Jägermeister-Logo, Shorts, Turnschuhe mit Socken, Sachsen-Sound, tragbarer Lautsprecher mit Ballermannhits, Bierkasten in der offenen Reisetasche. Die Vier labern Dünnschiss, singen dumpf die debilen Songs mit und trinken. Die anderen Fahrgäste schauen weg, doch die Mahlbewegungen ihrer Kiefer verraten, das es in ihnen arbeitet.

Zwei Haltestellen vor dem Flughafen bleibt die Bahn unangekündigt stehen und kippt uns aus. Wir sind spät dran. Weiterfahrt unklar. Keiner weiss was, sagt was, nirgendwo steht was. Nervöse Handygefummel, Telefonieren, Kopfschütteln. Die Jungs machen es sich auf dem Bahnsteig gemütlich, drehen den Malle-Sound noch lauter, noch ein Bier, aus ihren Mündern quillt ein schwachsinnige Brei aus Sächsisch und Kanaksprak. Ich konnte gestern schlecht einschlafen, zu viele Gedanken hatten mich wachgehalten. Heute sind sie immer noch da, aber hinter dem Schleier der Müdigkeit. Auch ich habe es eilig. Aber in zehn Minuten kommt wohl irgendwas. Ich höre Heinz Strunk, bin deprimiert. Die Sachsen hören Mickie Krause und sind super drauf. Sollen sie doch, denke ich, schön für sie, herzlichen Glückwunsch, alles richtig gemacht. Ich versuche es mit einem milden Lächeln. Von mir aus können sie doch trinken und ihre dummen Lieder singen, tun ja niemandem was. immer noch besser, als der ganze restliche trübe Haufen hier, mich eingeschlossen.

Dann fällt mir das Nazi- Kapuzenshirt des Einen auf. Nicht von der aggressiven, offensichtlichen Sorte. Eher Party-Nazi. Lifestyle-Nazi. Irgendwie eierlos. Aber doch unmissverständlich. So richtig Nazi, so mit Hakenkreuz und so, traut er sich nicht. Ich muss an Gerhard Polt denken, der einmal sagte, er suche „das Abgründige im Gemütlichen“ . Die Vier wirken plötzlich auch abgründig. Und trist. Trister als alle drumherum. Meine Tristesse ist mir lieber. Dummheit gibt es wohl nur ganz oder gar nicht. Die selektive Dummheit, die die dunklen Gedanken draußen, die Guten und hellen drin lässt, ist wohl auch ein Widerspruch. Ein denkender Mensch zu sein, sich aber seine Milde und Leichtigkeit zu bewahren, scheint mir erstrebenswert. Die Abkürzung über die Idiotie führt in die Gegenrichtung.

Die S-Bahn kam übrigens nicht. Aber am Flughafen angekommen bin ich dann doch noch, in Fahrgemeinschaft mit ein paar anderen milden, netten Leuten.

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