Im Stüberl

fühlen

bsh

Menschen, die nicht aus Bayern kommen, wird man erklären müssen, was eine „Boazn“ ist. Der Begriff ist ambivalent, meint abwertend eine fiese Spelunke. Aber auch liebevoll eine etwas in die Jahre gekommene, gemütliche Kneipe. Etwas offizieller nennt man diese Läden, von denen es in München sicher über hundert gibt, „Stüberl“. Das Wort tragen sie auch meist im Namen. Ich wohne seit nun schon über zehn Jahren direkt über einem dieser „Stüberl“. Drin war ich zum ersten Mal erst vor einem guten Jahr. Vorher traute ich mich nicht so recht rein. Ich wollte die Leute, in allererster Linie Stammgäste, die oft schon ab zehn Uhr morgens am Tresen sitzen, einfach nicht stören. Und irgendwie dachte ich wohl auch, das mit mir etwas nicht stimme, wenn ich mich von solchen Läden angezogen fühle. Andererseits: Ich kenne wirklich jeden in meinem Haus. Den Gemüsehändler, das alte italienische Paar, das die Pizzeria führt. Und irgendwie fand ich es blöd von mir selbst, um das Stüberl so lange einen Bogen zu machen und an einem dunklen Abend im letzten Winter zog es mich auch wieder irgendwie in den holzgetäfelten Raum hinter den großen Glasscheiben.

Es ist gegen neun Uhr abends und ich bin der einzige Gast. Der Raum ist schummerig beleuchtet, Holzvertäfelung aus den 60ern, Topfpflanzen, vergilbte Gardinen, Fußballpokale, zwei Spielautomaten, zwei Holztische im hinteren Bereich. Ein Tresen mit Barhockern. Ein ausgeschalteter Fernseher an der Wand. Krimskrams hinter der Theke. Es riecht nach Schweiss, kaltem Rauch, undichten Abflussrohren und Tropfbier. Hinter dem Tresen steht Gerdi, die Wirtin. Seit 30 Jahren. Früher hatten sie schon ab neun Uhr geöffnet, dann kamen oft Handwerker zum Frühstück. Und auch die ersten Stammgäste für ein paar (oder ein paar mehr) Weißbier. In Bayern trinkt man sowieso mehr am Tag, als in der Nacht. Denn in der Nacht, da schläft man. Irgendwann machten die Füße nicht mehr mit, das Rheuma. Die Wege in die kleine Küche im Nebenraum wurden einfach zu beschwerlich. Heute steht Gerdi nur noch hinter dem Tresen. Zapft Bier. Und hört sich, sicher zehn bis zwölf Stunden am Tag, die Gespräche ihrer Gäste an. Und das seit dreißig Jahren. Gerdi, das ist die Art bayrischer, älterer Frau, wie man sie aus älteren Helmut Dietl Filmen kennt. Warmherzig und nett, solange man sich benimmt. Mit einem irgendwie schelmischen Blick. Aber auch ein zäher Hund, niemand, der sich was vormachen lässt. Und ganz sicher niemand, mit dem man Streit haben möchte. Eine Mutterfigur. Und sicher der wichtigste Grund, warum Menschen ins Stüberl kommen. Sie sehnen sich nach ihrer Mama. Oder danach, wie sie sich Mama gewünscht hätten. Nach jemandem, der nicht über sie urteilt, ihnen zuhört, sie versteht und sie auch mal tröstet, wenn sie Scheiße drauf sind.

Tagsüber und am Wochenende sitzt eine Männerclique am Tresen. Irgendwie sehen die alle gleich aus. Gleich alt, gleich grau, gleich aufgequollen. „15 Weißbier schaffen meine Jungs schon pro Nase“, sagt Gerdi. Und sie sagt es irgendwie mit Stolz. 15 schaffe ich nicht, beim besten Willen nicht. Aber ich fühle mich irgendwie sicher an diesem Tresen. Wir plaudern, über München, wie es mal war und wie es geworden ist, über das Viertel, in dem ich so gerne lebe. Über die schmerzenden Füße. Über Sinn und Unsinn. Nie zu tiefschürfend, nie zu ernst. Und Politik, so Gerdi, gehört gar nicht ins Stüberl. Gibt nur Streit. Finde ich ok. Jetzt kommt doch noch ein Stammgast. Ein Polizist nach Dienstschluss. Um die 40. Netter Typ. Er wechselt 200 € in Kleingeld, welches er, ohne jede äußerliche Regung, innerhalb der nächsten Stunde parallel in den beiden Spielautomaten versenkt, von denen keiner auch nur einen Euro wieder ausspuckt. Dabei reden wir zu dritt über seine Arbeit, was so los ist, wie es ist, bei der Polizei zu sein.

Seitdem bin ich immer mal wieder da. Nicht oft, ich glaube, es macht mich zu melancholisch. Wenn ich vorbei gehe, winkt Gerdi mir jetzt vom Tresen aus zu. Die anderen Stammgäste sind ein bisschen anstrengend. Jedenfalls dann, wenn ich vorbeikomme. Dann ist deren Kneipen-Tag schon fast vorbei und außer betrunkenem Wirrwar im tiefsten Bayrisch kommt nicht viel aus ihnen raus. Ich meine das nicht negativ. Ich glaube, der Grund, warum man gerne im Stüberl sitzt ist, dass hier niemand über den anderen urteilt. Jeder hat seine Untiefen, seine Probleme und Schwächen. Doch hier ist das ok, keiner muss funktionieren oder was darstellen, sich besonders vorteilhaft präsentieren oder in irgendwas mithalten. Verhaltensweisen, die besonders München sonst permanent einfordert. Manchmal hat man den Eindruck, die Stadt und ihre Bewohner verbringen ihre Zeit ausschließlich mit sowas.

Neulich erzählte ich Freunden von meinen gelegentlichen Stüberl-Ausflügen und eben diesen Gründen dafür, aus denen ich das manchmal will. Sie zweifelten daran, dass dort wirklich jeder so sein darf, wie er will, es sei eben auch wieder nur eine bestimmte Klientel, die dort akzeptiert würde, wie überall sonst eben. Neulich fragte ich Gerdi: „Sag mal, wie wäre das, wenn hier jetzt ein schwuler, linker Veganer im Maßanzug reinkäme und ein kleines Wasser bestellt“. Replik: „Das ist doch dem sein Problem.“

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