Kaffeehaus

Kaffeehaus ist für Leute, die allein sein wollen und dafür Gesellschaft brauchen. So sagt man. Kann ich verstehen. Ich bin sehr gerne in Gesellschaft, genieße es aber auch mehr und mehr, dabei die Klappe zu halten.

Eigentlich ist alles gesagt, jedenfalls unter uns gebildeten Menschen. Unterhaltung ist vor allem ein sozialer Vorgang, bei dem man sich gegenseitig versichert, dem selben Bildungsstand und der selben Gesinnung anzugehören. In meinem Fall wäre das wohl: Links-liberal und mittelschlau. Nun will ich nicht zynisch daherkommen, denn das bin ich nicht. Auch ich versichere mich gerne zusammen mit Menschen, die ich mag, gemeinsamer Ansichten. Aber es ist eben auch oft ein Ritual.

Gegenteilige Ansichten hatte ich gerade, vielleicht so vor einer Stunde, am Naschmarkt. Wir waren recht schnell beim Eingemachten, in dem Fall, wie so oft, beim Großdeutschen Reich. Und das unter außerordentlich gebildeten Kulturmenschen. Ist schon OK, ich halte das aus. Und aus einem Gefühl heraus, das ich gar nicht näher definieren kann, glaube ich, dass es die Österreicher mit ihrem Nationalismus nicht ganz so ernst meinen, wie manche Deutsche. Unsere gegensätzlichen Meinungen hinderten mich und die Herren, die ich gerade vor dem „Urbanek“ kennengelernt hatte, jedenfalls nicht daran, unseren Muskateller in Frieden zusammen zu leeren. Das ist viel Wert, wo sich doch mehrheitlich Andersgesinnte gerne die Köpfe einschlagen. Hier: Nicht die Spur.

Jedenfalls: Ungefähr auf der Höhe der Mitte des Naschmarktes führt eine Straße den Spittelberg hinauf. Dort war ich schon früher. Google sagt, hier sei es jetzt gerade spannend und hip. Gelandet bin ich im Kaffeehaus Sperl, das ich auch schon kannte und bereits beim ersten Mal wahnsinnig mochte. Bei meinem zweiten Wien-Besuch fand ich es nicht wieder und jetzt spazierte ich direkt drauf zu.

Der Eingang: So eine Art Holz-Glas-Tunnel mit einem „sie werden platziert“ Schild am Ende. Finde ich ok und kenne ich schon aus der DDR. Drin: Attraktive, stilvolle Menschen jeden Alters. Ältere, wahnsinnig elegante und zugleich warmherzig wirkende Damen, meist in Begleitung von Herren im Jackett. Die jüngeren Frauen: ebenfalls durchweg hübsch und modern mit einem Hang zur Strenge. Die jungen Typen: Nerdy bis pomadig. In der Summe: ziemlich wunderbar. Und alle plaudern. Man sieht kaum ein Handy. Die Leute sitzen einander gegenüber und unterhalten sich. Das Personal ist ausgesucht wundervoll, dezent, charmant. Die Zeitungsauswahl ist Bombe. Mehr hat die Kanzlerin allmorgentlich auch nicht auf dem Tisch. Und, das mag ich am allerliebsten: Man fühlt sich auch alleine wirklich wohl. Kaffeehaus ist nicht Ausgehen, es ist ein Stück Leben, ein Stück Alltag. Es gab Teile der Wiener Gesellschaft, die praktisch im Kaffeehaus gelebt haben. Man kann frühstücken, es gibt hervorragenden Kaffeeeeee (niemals Kafffe), Wiener Küche, Kuchen, Strudel und andere Mehlspeisen und ordentlichen Wein.

Es scheint, als würde der, sonst eher zum Grant neigende Wiener im Kaffeehaus Milde walten lassen mit der Welt. Den Groll, den Pessimismus und die Unzufriedenheit lässt man vor der Tür. Und tut so, als sei das Leben lebenswert oder zumindest erträglich. Diese Orte sind seltener geworden in Wien. Und oft, im innersten Zentrum, museal und teuer. Hier ist das anders, das merkt man sofort. Es ist lebendig. Eine Insel in einer Stadt, die sonst, bei aller Schönheit, ziemlich kühl sein kann. Die warme Seite der österreichischen Seele. Und für mich ab sofort Pflicht bei jedem Wien Besuch.

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