Gebt dem Jazz den Groove (zurück)

Gestern Abend in München: Gut tausend Zuschauer, ein großer Teil von ihnen unter 30, feiern Jacob Collier. Der, selbst gerade 25 Jahre jung, entwickelte sich vom Internetwunder mit 3 Minuten Staunfaktor zu einem globalen Star einer Musik ohne Grenzen, die in der Vermittlung immer noch, und das auch zurecht, unter „Jazz“ firmiert, obwohl sich ihre Rezipienten der jüngeren Generation wenig um den Begriff scheren. Oder, und das behaupte ich einfach mal, die „Jazz“ wieder mit einem erstrebenswerten Style wider dem Mainstream verbinden.

Nun werden in der Musik gerne Phänomene herbeigeredet und noch mehr herbeigeschrieben. Aber das geht jetzt schon eine ganze Weile, mit (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) Künstlern wie Snarky Puppy, Kamasi Washington, Knower, Louis Cole, Thundercat, Vulfpeck. Alle diese Bands mobilisieren ein breites, mehrheitlich junges Publikum. Und sie tun das, und das ist das Erstaunliche, mit durchaus komplexer Musik, im Spirit und dem Vokabular des Jazz. Was diese Bands verbindet? Ein starker GROOVE. Und ich meine, das war fast immer der Fall, wenn Jazz die Massen bewegte. Ob in den 20ern, in denen der Swing wahrscheinlich das Krasseste und Subversivste war, was man so hören konnte. Und dann, später, in den 70ern und 80ern, in denen Weather Report, Herbie Hancock, Chick Corea, Mahavishnu und Miles die Rock Venues eroberten.

Was ich damit sagen will? Ich bin kein Kulturpessimist. Jedenfalls versuche ich, keiner zu werden und bisher klappt es ganz gut. Ich glaube, dass es auch heute genug intelligente, junge Leute gibt, die Bock auf anspruchsvolle Sachen haben. So lange sie unverstaubt, nicht-museal und zeitgemäß daher kommen und ein Gefühl transportieren, in dem sich die Hörer wiederfinden. Und ich meine, Menschen klicken immer mit Groove. Das ist in uns drin. Mehr noch als Melodie und Harmonie. Die Trommel, der Wumms, die tiefen Frequenzen, drücken bei uns auf einen Knopf. Und sind in der Lage, in ihrem Sub-Kontext eine Menge Dinge zu transportieren. Und, da bin ich mir auch sicher, jede Zeit hat ihren eigenen, ganz spezifischen Groove. War der 20er Swing seinerzeit krass, so waren es später beispielsweise die Beatles, wie die Leute schwindelig spielten. Auch wenn uns deren Grooves heute fast harmlos leicht erscheinen.

Groove kann überall entstehen. Es ist rassistischer Quatsch, zu sagen, eine bestimmte ethnische Gruppe von Menschen hätte quasi per DNA den Groove „im Blut“. Groove ist vielmehr eine Einstellung, ein innerer Rhythmus. Und manchen Musiker schaffen es, diesen Rhythmus nach außen zu transportieren und damit andere, manchmal tausende, zehntausende Menschen auf ihrer Frequenz mitschwingen zu lassen. Und da ist auch das, was wir heute unter „Jazz“ verstehen, keine Ausnahme, sondern, im Falle der oben Genannten und sicher noch vieler mehr, eigentlich das perfekte Feld, um sich wirklich auszutoben.

3 Kommentare

  1. Werner Nieke · 12 Days Ago

    Micha – das dürfte Dich interessieren. OK to reblog bei mir (siehe website)?

    Gefällt mir

  2. Pingback: Gebt dem Jazz den Groove (zurück) | musikgeschmack – wesboundmusic

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