Lissabon: Fado

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Kurz vor sieben am zweiten Weihnachtsfeiertag stehe ich mit einer kleinen Menschentraube vor dem Fado-Lokal „Tasca do Chico“ im Lissabonner „Bairro Alto“. Mein Appartement ist um die Ecke, ich bin nicht sicher, ob ich heute noch viel Programm will, schließlich bin ich gerade erst angekommen, habe seit dem Frühstück nichts gegessen und bin geschafft. Doch die Tatsache, dass hier die Menschen, und zwar nicht nur Touristen, sondern ganz eindeutig auch (meist ältere) Einheimische, anstehen, bevor der Laden überhaupt aufmacht, macht mich neugierig. Besonders, weil man sonst überall schon von der Straße mit der Ansage „Fado? Tapas?“ animiert wird. Hier nicht. Kennt man ja seit der Kindheit: Irgendwo eine Schlange? Dann stell ich mich besser an. Kurz nach sieben watschelt ein Ömchen herbei, schließt die Eisentür des absolut unscheinbaren Lokals auf, lässt noch zwei junge Kellnerinnen ein und macht die Tür wieder zu. Es ist kühl, feucht und mein Magen knurrt und so ist mein von Natur aus schon sehr dünner Geduldsfaden heute noch ein bisschen dünner. Denn endlich, vielleicht zehn Minuten später, darf unsere kleine Gruppe, die inzwischen auf um die 25 Leute angewachsen ist, endlich rein.

Drinnen: Nochmal anstehen. An der Theke werden, durchaus mit strengem Blick und großer Autorität, die wenigen Sitzplätze des winzigen Ladens vergeben. Ich lande an einem Tisch mit einer tief-sympathischen Familie aus Brasilien, wir sitzen eng beisammen, quatschen, trinken ausgesprochen gutes, sehr kaltes Bier. Der Laden hat keine Küche, aber an der Theke grillt eine der Kellnerinnen Würste über einer Art Gasbrenner. Endlich kommt auch die für mich, „Morcela“, eine mit viel Kreuzkümmel gewürzte und knusprig gebratene Blutwurst. Ich habe einen Bärenhunger, das kalte Bier und die fette Wurst setzen einen schönen kleinen Rausch in meinem Hirn in Gang. Der Laden füllt sich immer mehr, die Leute quetschen sich bis in die letzte Ecke.

Es war kein Zufall, dass ich gerade hier vorbeigekommen bin. Zufall war zwar, dass meine Wohnung um die Ecke liegt. Aber das Lokal kannte ich aus der Lissabon Folge von Anthony Bourdain, welche einer der Gründe für mich war, hier endlich einmal hinzukommen. Seinerzeit wurden, das war mir schon klar, aus Promo-Gründen zwar ein, zwei Fado-Stars in die Kneipe eingeladen und die Musik war entsprechend eindrucksvoll. Aber auch sonst schien mir der Laden ein guter Einstieg. Überhaupt, das merke ich in einer Menge Gespräche mit anderen Reisenden in den letzten zwei Tagen: Bourdain ist immer wieder Thema, fast alle kennen und lieben ihn, haben besondere Verbindungen zu einzelnen Filmen oder Büchern und sind nicht zuletzt durch ihn hungrig geworden, mehr von der Welt zu sehen und sie sich, mindestens genau so wichtig, zu erschmecken.

Irgendwann trudeln zwei Musiker ein, ein Gitarrist und ein Mandolinenspieler. Still und äußerlich recht ungerührt suchen sie sich ein Plätzchen auf einer kleinen Bank an der Wand. Schließlich drückt ein älterer, rundlicher Mann mit Schlips und Schnurrbart und einer Ausstrahlung von ziemlicher Autorität aber auch einem immer wieder aufblitzenden, kleinen Lächeln, den Lichtschalter und knipst dann mit einem weiteren ein paar rote Lampen an. Wo bleibt nur die Sängerin? Der ältere Herr macht eine bedeutungsvoll klingende Ansage. Und setzt dann zum ersten Lied an. Gibt es überhaupt singende Männer im Fado? Offensichtlich schon. Die Musik ist schön, vor allem ziemlich leicht und beschwingt, keineswegs so schwer, wie man es oft meint. Vor allem die älteren Damen haben die Augen zu, manche bewegen die Lippen zum Text der Lieder. Und auch ich komme langsam in die Musik rein. Jedenfalls bis der Sänger nach drei Nummern überraschend wieder den Lichtschalter betätigt. Klack, Licht an. Quassel quassel. Nach einer guten Viertelstunde, in der immer wieder Menschen eingelassen werden, die draußen in einer beachtlichen Schlange warten: Wieder Licht aus, wieder Musik an. Und, endlich: Anders als vermutet, bestreitet nicht der ältere Herr den ganzen Abend, sondern pro 3-Lieder-Set stellt sich ein neuer Sänger bei gleicher Begleitband vor die Säule in der Mitte des Raumes und singt. Diesmal eine Sängerin, mit ziemlich viel Kraft und wirklich einnehmendem Ausdruck. Die Nähe zur unverstärkten, aber sehr eindringlichen Stimme, ist toll. Nur die Handys vieler Umsitzender nerven. Aber was soll ich sagen, ganz ohne habe ich es auch nicht geschafft. Und die Besucher, egal ob Tourist oder Einheimischer, sind wirklich dabei, strahlen und leuchten ob der Musik. Ich denke, mit dem Fado an solchen Orten ist es, wie mit dem Jazz in New Orleans. Nah am Ursprung, aber weit weg von dem, wohin sich diese Musik heute bewegt hat. Das ist nicht wertend gemeint. Denn auch wenn ich finde, daß Musik und Kunst immer in Bewegung bleiben sollten, ist doch etwas nicht deshalb schlecht, weil es schon lange existiert. Der Spruch lautet in etwa: Es gibt zwei Sorten von Idioten: Der eine sagt, etwas ist alt und deshalb ist es gut. Und der andere meint, etwas ist neu und deshalb besser. Ich denke, es kommt drauf an….

Jedenfalls: Für mich soll sich der Sänger-Wechsel an diesem Abend insgesamt fünf Mal wiederholen. Die Band bleibt, doch die Solisten wechseln. Und vermutlich haben sie viele Stationen an einem solchen Abend. Ein ganz schönes Programm, sowohl für Personal, als auch Begleitmusiker, denn Musik gibt es von acht bis eins. Mindestens. Irgendwann mache ich schlapp, unsere kleine Runde umarmt sich zum Abschied.

Vor dem Heimweg drehe ich noch eine Runde durchs Viertel. Und, meine Güte: Die am Tag so romantisch wirkenden und auch recht menschenleeren Straßen haben sich ordentlich gefüllt. Aus den Bars dröhnt Brit-Pop und Party-Schrott, Touristengruppen ziehen lärmend von Kneipe zu Kneipe, an einer Ecke möchte mir ein finster wirkender Typ sehr gerne Drogen oder Frauen oder beides verkaufen. Die Szenerie erinnert mich sehr an Städte, die einen ähnlich schnellen Aufstieg in der Touristen-Beliebtheit erlebt haben, besonders Prag und Barcelona. Städte, die zweifellos einen großen Reiz ausüben, in denen man aber dadurch an vielen Stellen ausschließlich Angebote für Besucher findet, die schließlich die Einheimischen vertrieben haben. Auch ich bin empfänglich für den Reiz dieser Orte, es gibt ja meist einen Grund für ihre Beliebtheit. Aber zugleich finde ich es auch immer traurig, dass der Tourismus ganze Stadteile derart umkrempelt. Am Ende wünsche ich mir, besonders wenn ich zum ersten Mal an einem Ort bin, eigentlich beides, das populäre Programm und zumindest einen Blick darauf, wie das echte Leben aussieht. Morgen will ich in die Markthalle. Nicht den neu eröffneten „Time Out Market“, sondern den „Mercado de Avalade Norte“, welcher eine halbe Stunde außerhalb des Zentrums liegt. Früher, als wir im Urlaub noch mehr in Hotels übernachteten, hat es mich immer gequält, dass man die ganzen wunderbaren Sachen, die man auf den lokalen Märkten sah, nur anschauen, aber nichts mit ihnen anstellen konnte. Heute ist es für mich eine der größten Freuden des Verreisens, mich von Produkten, die es in der Art bei uns nicht gibt, immer wieder inspirieren zu lassen. Und so kann ich es auch dieses Mal kaum erwarten.

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