Plädoyer für ein bisschen mehr Entspanntheit in unseren Privatküchen

 

Wenn ich mich für was interessiere, dann in der Regel exzessiv. Das heisst: Die Schwelle, bis zu der mir was nicht mehr egal ist, ist wirklich hoch. Ist die aber mal überschritten, muss ich oft alles sehen, hören, lesen, was es so gibt, am besten mehrmals. So geht es mir seit Monaten mit der Kochsendung „Alfredissimo“ von Alfred Biolek. Zum einen, darüber schrieb ich hier schon, bringt sie für mich schöne Erinnerungen zurück, an die Zeit Mitte der Neunziger, in der mein Vater und ich die ganze Waren- und Rezeptevielfalt der nun offenen Welt kennen lernten und ausprobierten.

Mittlerweile finde ich aber eine Sache besonders für die heutige Zeit und unseren Umgang mit Kochen und Küche interessant: Biolek hatte zwar sine Überzeugungen, war in denen aber nie fanatisch oder gar belehrend. Wenn jemand ein bisschen Maggi, Dosenware oder Ketchup in ein Gericht schmuggeln wollte, war das ok. Oft machte er es auch selbst. Sei Credo: Ich bin Amateur, habe neben dem Kochen noch ein bisschen was anderes zu tun und das professionelle Kochen überlassen wir den Köchen. Außerdem: Es mag auch am 30 min. Format seiner Sendung gelegen haben: Er machte immer nur wirklich einfache Sachen, aber mit einer gewissen Raffinesse. Und die machten es möglich, und das ist im TV wichtig, aber noch viel wichtiger im Leben: das nicht das Essen im Mittelpunkt stand, sondern der Gast.

Und schließlich: Was die ganze Seite der Anrichteweise von Gerichten ging, war er äußerst pragmatisch. Klar, schöne Gläser und Teller. Aber keine Türmchen, Servierringe, Chips, Schäumchen, Soßenspuren und anderer Quatsch. Der Punkt ist mir besonders wichtig, weil es mir, besonders in Zeiten der medialen Verwertung des Themas Kochen, scheint, dass viele Menschen Essen vor allem nach seiner Optik bewerten und diese sogar bei der Überlegung, was sie kochen oder gerne essen wollen, dem Geschmack und der Lust unterordnen.

Nun kann ich nicht sagen, dass ich frei von alledem bin. Aber das Hinterfragen dessen, was privates, gerne auch ambitioniertes, aber doch vor allem lustvolles und geselliges Kochen für mich sein soll, hat doch dazu geführt, das ich an vielen Stellen gerade nochmal deutlich umdenke, auch, was das angeht, was ich in meinem Blog sagen und zeigen will. Ich meine, es ist wunderbar, dass sich Menschen sehr für das Thema Küche und Essen interessieren. Schließlich leben wir zum einen davon, und zum anderen kann es uns schöne, gesellige, glücklich machende Erlebnisse liefern. Es kann aber auch zum Krampf für alle beteiligten mutieren. Zu einer nervigen Manieriertheit, einer Art unbewusster oder bewusster Abgrenzung zu den Leuten, die vielleicht nicht so viel mit dem ganze Thema anfangen können oder wollen.

Ich meine: Das allerwichtigste beim Kochen sollte sein, dass wir uns selbst und den Menschen, für die wir kochen, etwas Gutes tun wollen. Ich stehe heute noch weniger als je zuvor auf Essen, das beeindruckt, das mehr sein will, als es ist. Und Leute, die privat kochen, sollten auch gar nicht nach Profi-Maßstäben denken. Das zu Hause Kochen hat eine extrem hohe Bedeutung ganz für sich und unser Leben. Und zugleich empfinde ich es im Grunde auch respektlos gegenüber dem Beruf des Kochs, zu meinen, man könne das mal eben auch. Ich komm gerade nicht mehr drauf, von wem das Zitat stammt, es könnte jedenfalls von Tony Bourdain sein: „Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Hobbykoch.“ Unsere Mütter und Großmütter hätten sich, obwohl sie mehrheitlich wunderbar gekocht haben, sicher nicht so genannt. Sie haben einfach gekocht. Ich meine, das zu Hause Kochen und die Arbeit der Profiköche müssen nicht konkurrieren und sind auch nicht vergleichbar. Und es gibt, außer dem eigenen Ego, auch keinen Grund für solch einen Vergleich.

So gesehen sind dann auch extrem populäre Formate wie die „Küchenschlacht“ oder „Das perfekte Dinner“ eigentlich ein Graus, zeigen sie doch auch meistens Kandidaten am Rande des Nervenzusammenbruchs, die bestenfalls erreichen, dass ihr mühsam Zusammengeschwitztes von einem Promi-Koch als „professionell“ bezeichnet wird, was, jedenfalls nach meiner Prämisse, a) gar nicht besser ist, als z.B. „wie zu Hause“ und b) sowieso gelogen ist, denn ein in 30 min. in Echtzeit gekochtes Tellergericht hat nun mal mit dem professionellen Kochen einfach nix zu tun. Wem es dennoch Spaß macht, dem sei das ausdrücklich gegönnt.

Ich für meinen Teil denke aber: Wir haben schon so viel Druck, alle möglichen Sachen professionell, schnell und perfekt zu machen. Nehmen wir uns doch bei so einer wunderbaren Sache, wie dem Kochen zu Hause, den Druck. Entspannen wir uns, machen wir Sachen, auf die wir WIRKLICH Bock haben, egal wie einfach oder kompliziert, kreativ oder altbekannt. Nehmen wir uns Zeit für das Kochen, aber genauso sehr, für das Essen und die Leute, die das mit uns zusammen tun. Und tauschen wir Rezepte und Ideen aus, inspirieren uns gegenseitig. Aber legen wir auch immer mal wieder das Handy weg.

Ein Kommentar

  1. Da muss ich Dir recht geben. Das Wesentliche ist, dass wir für uns selbst kochen. Dafür machen wir Werbung. Das sage ich ganz bewusst.

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