Rest in peace Anthony Bourdain: Versuch eines Nachrufs auf meinen Helden und imaginären Freund.

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Vermutlich irgendwann in der Nacht vom 7. auf den 8. Juni nahm sich Anthony Bourdain in seinem Hotelzimmer in Strasbourg das Leben. Er wurde 61 Jahre alt.

Jetzt etwas zu Bourdains Tod zu schreiben, ist keine narzistische Wichtigtuerei, auch kein Betroffenheits-Bla-Bla. Sondern vielmehr ein Versuch, meine Gedanken und Gefühle zu ordnen und mir auch ein bisschen von der Seele zu schreiben. Das erste Mal sah ich Anthony Bourdain im Rahmen seiner Wien-Folge seiner TV Serie „No Reservations“. Und was soll ich sagen: Volltreffer! Weder im Bereich Küche, noch im Bereich Reise, oder, weiter, „Leben“ oder „Leute“, hatte ich zuvor so etwas gesehen. Die Amerikaner würden es wohl „highly opinionated“ nennen. Die deutsche Laberpresse wohl „herrlich politisch unkorrekt“. Ich am ehesten: ehrlich. Ich war dem Mann sofort verfallen: seiner Coolness, seinem über die Jahre noch beneidenswert immer besser werdenden Aussehen, seinem Humor, seiner unglaublichen und zugleich so vollkommen unprätentiösen Sprache, seinem Umgang mit dem Medium Fernsehen. Für viele hunderte Stunden sollte Bourdains Werk für mich ein Fenster zur Welt werden. Und er selbst ein Mensch, von ich irgendwann wirklich das Gefühl hatte, ihn zu kennen. Ich sah ihn auf Sardinien von einer Klippe springen, in Rumänien ein groteskes Halloween erleiden, in den US Südstaaten ein Schwein schlachten, in Sizilien toten Fisch harpunieren. Ich sah ihn schwitzend und saufend in seiner alten Küche, dem „Les Halles“ in New York. Er kochte mit den Queens Of The Stone Age, trank mit Iggy Pop, aß Nudeln mit Barack Obama in einem winzigen Laden in Vietnam. Er drehte die einzige mir bekannte Reise- und Food Doku in schwarzweiß. Ich könnte unendlich so weiter machen. Aus seiner Koch- und Drogenkarriere taperte Bourdain durch seinen, für ihn wahrscheinlich am überraschendsten, Weltbestseller „Confessions of a chef“, in die Medienbekanntheit. Aus der Schnapsidee, als Nachfolger ein Buch eines Kochs auf Reisen zu veröffentlichen, wurden mehrere Jahrzehnte Fernsehen, wie es es sonst noch nicht gab und ziemlich sicher auch in der Form nicht wieder geben wird. Voller Emotionen, unglaublich leerreich und inspirierend, intelligent, spaßig, manchmal auch sehr ernst. Und nie aufgesetzt, nie Fake, so schien es.

Ich glaube, Bourdain war immer „moody“. Er konnte wirklich hoch fliegen, aber auch tief fallen. In seinem letzten Buch schrieb er viel darüber, wie wunderbar es sei, für seine kleine Tochter zu kochen. Jahre- und Jahrzehnte-lang drehte sich sein Leben vor allem um ihn selbst. Seit seinem „little girl“ nur noch um sie. Bourdain litt zeitlebens an Depressionen. Dass dies bis heute so war, war mir nicht so bewusst. Ich habe mich nie so sehr für den Tratsch rund um seine Person interessiert. Er gab doch selbst so viel, was will man dann noch aus zweiter Hand? Rückblickend muss sein Beruf, der hauptsächlich darin bestand, an die aufregendsten Orte der Welt zu reisen und dort hochinteressante Menschen zu treffen und das unglaublichste Essen des Planeten zu probieren, über Stecken für ihn die Hölle gewesen sein. Auch wenn die meisten Menschen zumindest auf den ersten Blick wohl am liebsten sofort mit ihm tauschen würden, mich eingeschlossen. Depressive Menschen durchleben im Urlaub Höllenqualen. Fremde Menschen und ungewohnte Situationen sind für sie das Schlimmste. Sie wollen sich nur zurückziehen in ihr Schneckenhaus. Was für ein Wahnsinn, in solch einer Verfassung permanent von Kameras genau bei diesen Dingen permanent für ein Publikum von, zuletzt bei CNN, hunderten von Millionen Zuschauern begleitet zu werden. Ich bin mir sicher, Bourdain hat es im Kern gerne gemacht. Und ich bin mir auch sicher, er hatte Leute um sich, die sensibel mit ihm umgingen. Aber ultimativ konnte ihm niemand helfen. Das ist, im schlimmsten Fall, die Natur einer Depression: Du bist ein schlauer, toller Mensch und erlebst die unglaublichsten Sachen, um die dich viele beneiden, aber selbst fühlst du dich wie lebendig auszementiert. So sagt man. Was es bedeutet, und wie es sich wirklich anfühlt, können die Wenigsten nachfühlen. Dass es einen Menschen zerstören kann, zeigt Bourdains Suizid, genau wie viele viele andere jeden Tag.

Es gab noch einen öffentlichen Menschen, dessen Tod mir so nahe gegangen ist, wie der meines Helden und imaginären Freundes Anthony Bourdain. Sein Name ist Esbjörn Svensson. Der Jazzpianist starb vor fast auf den Tag genau zehn Jahren bei einem Tauchunfall. Ich habe fast diese vollen zehn Jahre gebraucht, bis ich seine Musik wieder ohne tiefe Traurigkeit hören konnte. Heute geht es wieder. Ich kenne seine Familie, ich glaube, sie sind ok. Sie haben nicht vergessen, aber ihr Leben ist nicht zerbrochen. Und die Menschen denken heute noch an Esbjörn, hören seine Musik. Und ich auch. Und heute auch wieder mit einem gewissen Glücksgefühl darüber, dass, und es mag noch so abgedroschen sein, Esbjörn durch seine Musik unsterblich geworden ist. Ich werde lange, lange keine Filme und Bücher meines Helden und Freunden Anthony Bourdain lesen können. Aber ich werde ihn nie vergessen. Und ich wünsche mir und hoffe, dass dies anderen Menschen auch so geht. Ich halte sein Werk auf eine Art für nicht weniger als ein kulturelles Manifest mit dem Umfang von hunderten Stunden Film und tausenden Buchseiten. Etwas, das es lohnt, bewahrt zu werden. Etwas, um das Bourdain, wie wir jetzt wissen, zum Preis seines Lebens gekämpft hat, um es am Ende so leicht aussehen zu lassen, dass es uns glücklich gemacht hat. Irgendein schlauer Mensch hat mal gesagt, es sei schon intolerant, überhaupt von Toleranz zu sprechen. Finde ich auch. Bourdain war nicht tolerant. Er war hungrig nach dem Anderen, nach dem Fremden, er hat der Welt gezeigt, wie bereichernd es sein kann, über seinen Horizont hinaus zu schauen, ohne dabei irgendwas zu verklären oder zu romantisieren, außer, es ist einem gerade danach. Er hat uns gezeigt, dass, wenn Du kein Arschloch bist, du mit den allermeisten Menschen auf dieser Welt wunderbar auskommen kannst, ohne dich irgendwie zu verbiegen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen auch in zehn Jahren noch an Tony Bourdain denken. Ich ganz bestimmt. Und, da bin ich ganz sicher, viele andere Menschen auch.

 

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