Henkersmahlzeit

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Neulich las ich etwas über die fiktiven Henkers- bzw. letzten Mahlzeiten berühmter Köche. Eine beliebte Interviewfrage, bei der der Fragende wohl hofft, etwas ganz Persönliches heraus zu finden. In der Regel antworten die besternten Befragten mit einfachsten Gerichten, oft aus ihrer Kindheit. Nun weiß ich, wie das mit den Interviews so ist. Alain Ducasse beispielsweise traue ich die Antwort, es sei „ein Butterbrot“ irgendwie nicht so recht zu. Aber „getrüffelte Gänsestopfleber“ war dann vielleicht doch ein bisschen zu uncool… Andererseits: Köche mögen privat oft einfache Sachen, aber von ausgesuchter Qualität. Ferran Adrià nannte „gebratenen grünen Spargel mit Olivenöl und Meersalz“. Treffer! Bei mir jedenfalls. So sehr, dass ich seitdem so unglaublich Bock drauf hatte, das ich am Montag, direkt vor dem Einsetzen der Spargelsaison trotzdem fast einen Bund mexikanischen Grünspargel gekauft hätte, weil es eben knapp noch keinen deutschen gab. Zum Glück war ich dann doch nicht so doof, heute gab es ein prachtvolles Bund frischen, grünen Spargel aus Schrobenhausen. Und ich muss echt sagen: Es war u n g l a u b l i c h  gut. Eigentlich wollte ich noch ein bisschen für die Liebste aufheben, aber die fliegt eh nicht so auf Spargel und so war das halbe Kilo in weniger als fünf Minuten weg, ein Teil direkt im Stehen mit den Fingern aus der Pfanne. Die mit ein paar Kräutern langsam gebratene Maishähnchenbrust war super. Aber ich hätte sie nicht mal gebraucht. Und lustigerweise lies sich beides zusammen auch echt nicht hübsch anrichten – ich habe einiges rumprobiert, weil ich einfach wollte, dass es geil aussieht, doch immer dasselbe: Der Spargel allein auf dem Teller sah einfach wie gemalt aus, sobald ich aber, in welcher Weise auch immer das Huhn dazu gab, war die Ästhetik im Eimer. Adrià, ein Koch, von dem ich mittlerweile meine, dass er, ganz anders als viele seiner Nachahmer, wirklich ein hochintelligenter und so visionärer, wie geerdeter Mensch ist hatte halt Recht: Spargel, Olivenöl, Salz. Mehr geht nicht.

Rezept

Naja, von einem Rezept kann man eigentlich echt nicht sprechen. Man kauft den besten und frischesten regionalen grünen Spargel, den man kriegen kann. Dann ggf. die holzigen Enden abschneiden und das untere Drittel schälen – besonders dann, wenn die Stangen sehr dick sind. Dann gibt man sie in eine maximal leicht mit neutralem Öl eingepinselte Grillpfanne (oder gleich auf den richtigen Grill, zur Not tut es aber auch eine normale Pfanne), salzt sie ein bisschen, gibt eine winzige Prise Zucker dazu und grillt sie bei mittlerer Hitze unter gelegentlichem Drehen für ca. 10 Minuten. Dann auf einen Teller geben und mit dem allerallerallerallerallerbesten Olivenöl, das man hat und etwas mittelgrobem Meersalz würzen und warm verspeisen.

P.S.: Ach so: Meine Henkersmahlzeit? Wie gesagt, nichts gegen ein gutes Butterbrot. Vielleicht wird manchen Leuten bei der Vorstellung an das nahende Ende auch so flau, dass sie nix mehr runter bekommen. Aber da es eine eher theoretisch-philosophische Frage ist und ich mir um solcherlei also keine Sorgen machen muss, will ich doch ein bisschen was weniger Frugales: Ich hätte gerne ein gut durchwachsenes, abgehangenes, trocken gereiftes und auf den Punkt gegrilltes Entrecote. Und dann aber auch nur mit grob gemahlenem Pfeffer, grobem Salz und ein bisschen frischem Olivenöl. Naja, und ein Stück Brot um die ganzen schönen Säfte auf zutunken, die nach dem Steak auf dem Teller sind. Und ein Glas, nein, eine Flasche Rotwein, nicht zu schwer, vielleicht ein Burgunder, sogar leicht kühl. Danach ist eigentlich alles gesagt….

P.P.S.: Eine großartige Geschichte über echte Henkersmahlzeiten findet sich in dem absolut lesenswerten Buch „Teufelsköche“ von Juan Moreno. Darin portraitiert der Autor Köche in ganz besonderen Umfeldern: Honeckers Leibkoch ist dabei, Vincent Klink, der Koch eines Diktators, ein koksender Küchenchef eines Münchner Edelitalieners, der im Knast Risotto macht. Und eben auch ein Koch, der in einem US Gefängnis für die letzten Mahlzeiten der Hinrichtungskandidaten zuständig ist. Lesen!

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