R.I.P. Tambosi – oder, wie München seine Originale verscherbelt

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Letztes Wochenende war ich hier in München im wiedereröffneten Café „Tambosi“ am Odeonsplatz. Vor der Renovierung war der Laden jahrzehntelang eine Institution: Schick, aber auf eine ganz charmante, leicht kauzige und gleichzeitig ziemlich einzigartige Weise. Eben so, wie München. Jetzt, nach der Renovierung, ist wenig von diesem ganz eigenen Charme geblieben. Was kümmert es einen, könnte man fragen, wenn dieses Opfer eines Münchner Originals, ganz sicher des Geldes wegen, nicht symptomatisch wäre, für eine Stadt, die einmal geliebt wie belächelt, aber doch immer wahrgenommen wurde, für ihren ganz eigenen Charakter. Doch von dem ist, bis auf ein paar Plätze, die dann auch gleich als, mal bayrisch-griabiges, mal schickes Original gefeiert werden, immer weniger zu spüren.

Im Tambosi konnte man früher, kaum schienen die ersten Sonnenstrahlen, auf alten Stühlen, alle in Sitzreihen mit Blick zum Platz ausgerichtet, Leute-Kino gucken. Während die Damen im Pelz oder Kleidchen, die Geschäftsleute und Müßiggänger, die Reichen und Neureichen, Studenten, Straßenmusiker und auch immer mal ein bayrisches Ömchen vorbei zogen, konnte man an seinem Cappucino oder einer Halben Helles nippen, in die Sonne blinzeln und dem Schauspiel zuschauen. Und selbst Teil von ihm sein. Oder man setzte sich auf die andere Seite des Gebäudes, unter die Bäume im Hofgarten. Und drin, wie draußen herrschte italienische Geschäftigkeit, immer mit einer kleinen, oder richtig großen Prise Grant beim Personal, der aber in der Regel nicht böse gemeint war, sondern gelegentlich typisch für München ist – eine Art Ehrlichkeit dem Gast gegenüber, die der sogenannten feinen Gastronomie oft fremd ist, weil sie noch vor dem größten Deppen kriecht, so lange er nur bezahlt. Für mich war das Tambosi immer ein Lieblingsort. Einer, an dem man sich schon halb in Italien fühlte, aber zugleich geborgen in der Sattheit und Zufriedenheit Münchens, einer Insel des Wohlstands, für Alle, die sie sich leisten konnten. Aber wer wollte, konnte den Luxus hier auch zum Preis eines kleinen Espressos haben.

Irgendwann, es muss letztes Jahr gewesen sein, schloss das Tambosi. Grund: eine Mieterhöhung, die der Inhaber einfach nicht mehr stemmen konnte. Lange geisterten Gerüchte durch die Welt, das Haus ginge nun an ein Geschäft aus der „Systemgastronomie“. Schließlich nahm sich doch ein lokaler Edel-Gastronom dem Objekt an. Bei meinem Besuch im neueröffneten Haus am Wochenende wurde leider schnell klar: Der Laden hat alles verloren, was ihn mal so besonders machte. Die Patina, das Personal mit dem eben beschriebenen Charakter, den italienischen Charme, die Gelassenheit, seine Grandezza. Stattdessen ist es nun eine hochpreisige Mischung aus Champagner-Bar und Starbucks-Verschnitt, mit keimfreier Metall- und Lederausstattung und den üblichen, hässlichen Zebrano-Böden. Wohlstandsspießer-Look. Ein Ort, an dem nun wohl die üblichen Verdächtigen, die gleich zweimal auf München pfeifen und eh nur der Kohle wegen hier sind, einen weiteren Sammelplatz gefunden haben um mit Ihresgleichen noch ein bisschen gleicher zu werden. So, wie vielerorts.

Mein Weg führte weiter auf den Viktualienmarkt – vor dem Fisch-Witte stand die Kitzbühl Fraktion im Pelz mit helmartigen Sonnenbrillen bei Austern und Champagner. Nichts gegen eines von beiden, aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, das es die Leute halt machen, weil man es macht. Im grandiosen, kleinen „Poseidon“ direkt gegenüber ein ganz anderes Bild: Auch Austern und hervorragender Fisch, aber mit Leuten die fröhlich wirken, oft alleine da sind, und still und andächtig über einer Bouillabaisse meditieren. Wie lange wohl noch?

Soll ich weiter machen? Die Schrannenhalle ist seit Jahren ein über-hochpreisiger Luxus-Supermarkt für alle, denen die Kohle gleich komplett Wurscht ist. Im Pschorr nebenan kriegt man sein Helles auf violetten Filz-Untersetzern. Der Paulaner am Nockherrberg war schon lange keimfrei, nach der Renovierung ist er noch ein bisschen keimfreier. Die „Gruam“ im Schlachthofviertel, für kurze Zeit ein wirklich interessanter Laden, stand schnell in allen Reiseführern und schon pilgerte alles hin, was die Kneipe „witzig“ und „schräg“ fand, bis nichts mehr von ihrem ursprünglich abgefuckten Charm und den interessanten Leuten übrig war. Das „Cafe am Hochhaus“, einst ein wirklich netter, gemütlicher Laden mit Lauter Musik und sehr gemischtem Publikum – lange schon geschlossen. Dazu kommen, in der Innenstadt, die üblichen Touristenfallen, mal teuer und schlecht, mal auch etwas günstiger und schlecht. Keine Frage, dazwischen finden sich immer noch Institutionen wie das Weiße Brauhaus, oder, ja, im Ernst, auch das Hofbräuhaus. Aber das reicht nicht für eine Stadt dieser Größe und Bekanntheit auf der ganzen Welt.

Das soll jetzt hier keine Generalabrechnung mit München werden, denn ich liebe diese Stadt und mag, wenn es nach mir geht, für immer und ewig hier bleiben. Genau deshalb bin ich eben sauer auf diese Entwicklungen, die sich, alleine in den knapp zehn Jahren, die ich hier lebe, immer mehr beschleunigt haben. Man fragt sich gelegentlich wirklich, WAS diese Stadt genau ist, was sie ausmacht und wo sie sich hin entwickelt.

Am Problem, das München immer mehr und mehr seiner Originale dem Geld und Profit opfert, könnten am Ende alle verlieren. Die Einheimischen, die sich immer mehr in ihre Viertel zurückziehen, manche mit mehr eigenem Charakter, manche mit weniger. Und die Touristen, die, man glaube es kaum, ja auch gelegentlich woanders hin fahren und sich vielleicht irgendwann fragen, was denn genau an München jetzt nochmal so besonders ist.

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