Markttag

IMG_8073IMG_8077

Ich glaube, man muss ziemlich tough sein, um hier zu leben. Nur noch 60.000 Einwohner hat Venedig heute. Die meisten davon im Rentenalter. Das Leben ist beschwerlich, die Wege weit, das Freizeitangebot begrenzt. Und Venedig ist die teuerste Stadt Italiens. Kein Wunder: Alles, aber auch alles muss per Boot transportiert und dann auf Sackkarren durch die engen Gassen gewuchtet werden. Heute war ich schon um acht unterwegs. Auf dem Weg zum Markt.

Müllmänner transportieren den Weihnachtsabfall auf großen, handgeschobenen Wagen durch die Stadt, über Brücken, Kopfsteinpflaster, durch Gassen, die gerade noch breit genug sind. Auf Booten werden die Lieferungen für den Tag in die Restaurants, Hotels und Läden gebracht. Für Einheimische ist Einkaufen beschwerlich: Es gibt nur sehr wenige Supermärkte. Das Angebot an frischen Lebensmitteln dort ist richtig mies, und teuer dazu. Wer was Gutes, frisches will, muss einen der mobilen Gemüsestände oder -Bote finden. Dort wiederum ist das Angebot toll. Fisch gibt es auf der Pescheria gleich an der Rialtobrücke. Die ist einer der touristischen Mittelpunkte der Stadt. Der Markt aber wird vor allem von den Einheimischen genutzt.

Es ist nicht viel los heute am ersten Tag nach Weihnachten. Nur ein paar Fisch- und Gemüsestände. Aber das Angebot ist toll. Etwas wissend durch den letzten Ostseeaufenthalt, bei dem es einzelne Fischhändler im Hafen (!) fertigbrachten, keinen einzigen Ostseefisch, sondern vor allem aufgetaute TK Ware an die Touristen zu verscherbeln, erkundige ich mich auch hier in gebrochenem Italienisch nach den lokalen Fischen. Und in der Tat: höchstens ein Drittel der Ware stammt aus der Lagune. Mein Fang: Kleine Kalmare, schmutzig-schwarz von der Tinte. Besonders toll, denn: Irgendwann las ich, dass auch die Mittelmeer-Kalmare erst eingefroren, dann zum Putzen nach Nordafrika gebracht, dann wieder eingefroren und dann nach Deutschland gebracht und wieder aufgetaut werden. Was für ein Alptraum. Außerdem: Ein glubschäugiger Plattfisch namens „Passarino“ – typisch für die Lagune. Nachdem ich eine Weile neben einer alten Dame stand, die skeptisch mit dem Finger auf dem Fisch herumgedrückt hat, dran roch, mit dem Verkäufer über die Frische (und vermutlich auch den Preis) diskutierte und schließlich zugriff, wat ich sicher: der taugt was. Ich erkenne schon frischen Fisch: Super elastisch, schleimig und mit einem Geruch nur nach Meer und sonst nix.

Der Einkauf hat fast zwei Stunden gedauert, zusammen mit dem, was ich so für den Alltag brauche, ein ganz schöner Marsch durch die Stadt. Jetzt zu Hause. Der Kühlschrank faucht auf Stufe fünf, hoffentlich überlebt er es noch ein paar Tage. Drin: der gute Fisch, ein bisschen Käse, zwei Flaschen Weißwein. Daneben, ein bisschen Brot, Oliven, Gemüse, besonders, einfach unglaublich: zehn perfekt frische, ausgelöste, küchenfertige Artischockenböden und dickfleischiger Radiccio.

Ich denk mir:  Aus den Kalmaren mach ich ein Ragout, langsam geschmort, mit Zwiebeln, Tomaten, Oliven, Weißwein, Petersilie. Vielleicht mit Pasta, vielleicht aber auch nur mit ein bisschen Brot. Die Artischocken kommen in ein Risotto, ein paar, gewürfelt gleich am Anfang, der Rest, gebraten, am Schluss obendrauf. Vielleicht brat ich sie aber auch einfach nur und geb ein bisschen Parmesan drüber. Denn auch der Radiccio schreit nach einem Risotto, zusammen mit etwas Gorgonzola. Und schließlich noch mein Plattfisch: Den will ich im Ganzen braten, dazu nur ein paar kleine Oliven und ein bisschen kurz gebratener, dünn gehobelter Fenchel.

Ein Kommentar

  1. wolfsloeffelliste · Dezember 27

    Prima , ich nehme die nächste Fähre …

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s