Kleiner Guide durchs Münchener Westend

Bavaria

Seit nun fast acht Jahren leben wir im Münchener Westend. Einer Gegend, die sich, zumindest für unsere Bedürfnisse, als Glücksfall herausgestellt hat. Hier gibt es am ehesten noch ein Stück altes München. Und vor allem: Ein Stück Normalität und Erdung in einer sonst oft überdrehten, von sich selbst stellenweise entfremdeten Stadt. Langweilig ist es dennoch nicht. Ganz im Gegenteil. Grund genug, das Viertel ein bisschen besser kennen zu lernen – für Münchner und Auswärtige. Mein kommender kleiner Westend-Guide, so ähnlich in der letzten Ausgabe des Lifestyle-Magazins QVEST erschienen, macht vielleicht ein bisschen Lust drauf…

Hinterhof3

Tiefenentspannt aber nicht träge, bodenständig, aber nicht spießig, bunt, geerdet, nicht so überdreht, nicht so schick, aber schön. Eine Ecke zum Leben, wie zum Besuchen. Für viele Münchner ein Stück „echtes“ München: Das Westend, der kleinste Stadtteil der Münchner Innenstadt, auch Schwanthalerhöhe genannt, liegt so zentral wie das schicke Schwabing, der so hippe, wie gentrifizierte Glockenbach oder das noble Bogenhausen. Und doch weigert sich das ehemalige Arbeiterviertel mit angeschlossenem Straßenstrich, das einst die in der Kazmairstraße geborene Figur des „Monaco Franze“ als ausgesprochenes Unterschichten-Gewächs auswies, beständig, ein „Szene-Viertel“ zu sein oder zu werden.

München, einst Hauptstadt der 80er mit ihrem gedankenverloren, süßen Rausch und Überschwang, ist heute sowas wie eine Insel des Wohlstands und der Glückseeligkeit – für alle, die es sich leisten können. Es scheint gelegentlich, viele Menschen hier haben keine Leben, nur noch Karrieren. Unterbrochen von gelegentlichen Wochenendausflügen an den Tegernsee und Trachtenevents für zugezogene Unternehmensberater. Ein roter Ring zieht sich auf den Mietpreiskarten rund um die Stadtmitte bis weit in die äußeren Ränder des S-Bahn Netzes. Unterbrochen von einem konstant gelben Fleck – dem Westend. 3000 Genossenschaftswohnungen, in denen die Mieter, oft über Generationen, für um die 5 Euro pro Quadratmeter leben, sorgen für Erdung und ein Stück Normalität in einer sonst schicken, aber zugleich auch immer überdrehter werdenden Stadt. Klar, ein paar olle Elektrogeschäfte sind über die Jahre dem einen oder anderen Jogastudio, Bagel- oder Burgerladen gewichen. Nichts gegen einen guten Burger. Aber die Flut, die alles umkrempelt und Stadteilen oft alles nimmt, was sie mal waren: sie ist ausgeblieben. Und es scheint, sie kommt auch nicht mehr. Hoffentlich.

Balkon

Was sich im Viertel tut: auch viele Münchener und ein paar wenige Besucher haben gemerkt, dass die Ecke etwas Besonderes ist. Und so hat sich die Qualität der lange eingesessenen Läden, Kneipen und Restaurants großartig entwickelt. Einige Rohrkrepierer und Kaschemmen sind neuen, guten Ideen gewichen, die aber auch immer dem Kredo des Viertels folgen und nie mehr Schein als Sein, sondern in allermeisten Fällen etwas Reales, wirklich Gutes bieten. Und in einer Stadt, deren Ordnung und funktionierendes Allgemeinwesen zugleich Segen, als auch Fluch sind, Fluch deshalb, weil man ohne Vorspiel beim Ordnungsamt nicht mal in der Fußgängerzone singen darf, findet sich im Westend zumindest ein kleiner Anflug von Wildwuchs, dem Mut zum Individuellen, Unperfekten, wirklich Lokalen – ohne dass das dann gleich wieder als „griabig-uriges“ Münchner-Original gefeiert werden muss.

Wenn man zum ersten Mal nach München kommt, muss man nun weiß Gott nicht als allererstes die Westend-Tour machen. Die Innenstadt vom Stachus bis zum Odeonsplatz, den Viktualienmarkt, den Hofgarten und Englischen Garten nebst Chinaturm sollte jeder mal gesehen haben. Das Herz der Münchner schlägt für die Isar, zu Recht, auch wenn deren Ufer besonders an Sommertagen langsam zur Partymeile ver-Ballermann-isieren.

Westendstrasse und Augustinerbrauerei

Aber für alle, die das schon kennen und für alle Münchner und die, die es vielleicht werden wollen, ist das Westend ist mit seinen verwinkelten Innenhöfen, Eckkneipen, kleinen Ateliers, Cafés, der fast dörflichen Ladenstruktur, seinen im Sommer sonnendurchfluteten und zugleich luftigen, lang gezogenen Straßen, vielen kleinen grünen Flecken und einer erstaunlichen Ruhe und Gelassenheit, die ideale Ecke für einen Spaziergang am Samstag Nachmittag.

Der startet an der U-Bahn Haltestelle Heimeranplatz (1) – nicht erschrecken, denn er ist HÄSSLICH. Ein Stück die Heimeranstraße entlang. Wer sich für den kommenden Park- und Biergartenbesuch mit einer Brotzeit eindecken will: In der Bergmannstraße 44 bietet die Pâtisserie Amandine (2) komplett handgemachte, herausragend gute französische Backwaren, inklusive der allerbesten Croissants, wie man sie selbst in Frankreich nicht oft bekommt. Allerdings nur, so lange der Vorrat reicht – nachmittags ist oft schon das Meiste weg, aber tatsächlich lohnt sich wegen dieses einen Ladens schon der Weg ins Viertel (www.patisserie-amandine.de). Gleich um die Ecke bietet der Obstladen Westend (3) Obst und Gemüse von toller Qualität, aber auch hausgemachte Antipasti, Wein und kaltes Bier (www.obstladen-westend.de). Einen nettes Gespräch und Auskunft über alles im Viertel gibt’s vom Inhaber Güngör („Günni“) mit dazu.

Gemüseladen3 mit Güngör

Weiter geht’s über den schönen Georg-Freudendorfer-Platz (4) (sehr hübsches Café: Lohner und Grobitsch http://www.lohnerundgrobitsch.de , außerdem kleiner, preisgekrönter Kinderspielplatz) in Richtung Bavariapark (5). Ein verstecktes, kleines Juwel unter den Münchener Parks – ruhig und bildhübsch. Ein perfekter Platz für ein Picknick. Oder man nimmt seine Brotzeit mit in den direkt anliegenden Biergarten am Bavariapark (6, s.u.): Ein selbst für viele Münchener unbekanntes Kleinod. Hier sitzt man unter Kastanien mit einem Augustiner aus dem Holzfass und lässt einen sonnigen Nachmittag langsam vor sich hinschmelzen (www.wirtshaus-am-bavariapark.com).

Biergarten am Bavariapark1.jpg

Noch mehr Ruhe und eine großartige Aussicht über die Theresienwiese (auf der jedes Jahr das Oktoberfest stattfindet) gibt es auf den Stufen der Bavaria (7). Was viele nicht wissen: die fast 20 Meter hohe Bronzestatue ist hohl und von innen bis in den Kopf begehbar. Der ist, in der Größe eines Kleinwagens aber nichts für Leute mit Platzangst. Aber cool!

Theresienwiese 2

Von hier aus? Am besten quer durch die Seitenstraßen zwischen hier und Westendstraße. Auf dem Weg: Das wahrscheinlich schönste Café Münchens, das Marais (8, s.u.), die zwei kleinen Buchhandlungen Lesecafé (9, http://www.ligsalz13.wordpress.com/ ) und Büchergalerie Westend (10, http://www.buechergalerie-westend.de) und dem alternativen Wohnprojekt Ligsalz8 (11, http://www.ligsalz8.de).

Bavariapark2.JPG

Jetzt ist man auch schon ganz nah am roten Backstein-Komplex der legendären Augustinerbrauerei (12, http://www.braeustuben.de) – es gibt keine rustikalere, echtere Bierhalle in München. Von dort geht’s entweder weiter in eines der Restaurants und Bars aus unserem Westend-Guide oder, vermutlich schwankend, per Tram (direkt vor der Tür) zum Hauptbahnhof.

Musikgeschmack-Tipps fürs Westend

Echt bayerisch

Augustiner Bräustub‘n

Eine Instanz. Mitten in der Augustiner Brauerei, die seit 1328, bis heute unabhängig von irgendwelchen Großkonzernen, Münchens beliebtestes Bier braut, sitzt, isst und trinkt es sich rustikal. Am besten in der großen Bierhalle, besonders am Wochenende zwar ohrenbetäubend laut – was kein Wunder ist beim Mass-Preis von 5,50 € (ja, der Liter!). Küche sehr rustikal und absolut in Ordnung, Riesenportionen. Kein Ort für Vegetarier oder ein vertäutes Dinner zu zweit. Aber wer die volle Bayern-Dröhnung mit viel Geselligkeit zwischen Touristen und Einheimischen will, der muss hin. Zu Stoßzeiten unbedingt reservieren. http://www.braeustuben.de, Landsberger Str. 19

Biergarten an der Bavaria, Kongressbar

Ein wirklicher Geheimtipp, selbst für viele Münchener. Ein ehr kleiner Biergarten direkt neben dem malerischen, kleinen Bavariapark. Fast nur einheimische Besucher. Man sitzt im Schatten der Kastanien mit einem Augustiner vom Holzfass. Brotzeiten am besten selbst mitbringen. Sehr gut ist der Steckerlfisch – über Holzkohle gegrillte Makrelen oder Forellen. Am Abend gibt es in der direkt angrenzenden und ganz und gar nicht bayrischen, sondern im Stil der 50er eingerichteten und eigentlich für’s Viertel ein bisschen zu glatt-schicken Kongressbar gute Cocktails und ein wirklich gutes Livemusikprogramm zwischen Soul und Jazz – bei freiem Eintritt. http://www.wirtshaus-am-bavariapark.com, Theresienhöhe 15 http://www.kongressbar.de, Theresienhöhe 15

Kiez Kneipen

Stragula

DIE Stammkneipe mit komplett bunt gemischtem Klientel. Westend in einem Raum. Wirt Alex war 30 Jahre lang die gute Seele des berühmten „Fraunhofers“. Dessen Feel findet sich auch ein Stück weit im Stragula wieder, nur, klar, entspannter. Gutes Bier, Schafkopf-Runden, Fußball, reales Essen zu realen Preisen. Und ein bisschen Kultur: Jeden ersten Samstag im Monat sehr guter Poetry Slam und gelegentlich Konzerte und Lesungen. http://www.stragula.org, Bergmannstrasse 66

Ca Va

Die andere Stammkneipe, seit fast 30 Jahren. Auch hier: extrem gemischte Besucher, Studenten, alte Münchner, Musiker, ältere Ehepaare, alleine sitzende Zeitungsleser. Alle stehen auf die Gemütlichkeit des Ladens, das nette Personal, die echt günstigen Getränke und die allgemeine Kuscheligkeit und Wohnzimmer-Atmosphäre. Für Hungrige gibt’s auch eine bunt gemischte Karte und gutes Frühstück. Aber vor allem kommt man hier her für ein paar Bier, einen einfachen, ordentlichen Cocktail und zum Quatschen und Wohlfühlen in kleiner oder großer Runde. http://www.cafe-cava.de, Kazmairstraße 44

Frühstück & Café

Cafe Westend

Einer der besten Frühstücksläden in der Stadt und für viele mittlerweile auch Grund, extra ins Viertel zu kommen. Sehr vielseitige Frühstückskarte für jeden Geschmack. Tolle Zeitungs- und Zeitschriftenauswahl. Im Sommer sitzt man wunderbar draußen. Wirklich der perfekte Ort, einen langen, faulen Tag anzufangen. Vor allem am Wochenende rappelvoll, besser reservieren. Unbedingt eine Runde um den Block drehen, in dem sich das Café befindet – mit seinen geschwungenen Balkonen, Menschen- und Tierstatuen ein besonderes Haus in der Ecke. http://www.cafe-westend.com, Ganghoferstraße 50

Marais

Schon wieder ein Superlativ: Das, nach Wissensstand des Autors, allerschönste Café Münchens. In dem ehemaligen Textilgeschäft gibt es in hübschestem Ambiente grandiose, hausgebackene Kuchen, Kaffee, der auch höheren Ansprüchen standhält. Und eine Einrichtung aus bunt gemischten, alten Möbeln, die, ebenso wie viele Kleinigkeiten und Andenken, allesamt auch gekauft werden können. http://www.cafe-marais.de, Parkstraße 2

Out of Bavaria

Osteria Bianchi

In den Räumen eines alten Wirtshauses hat sich seit ein paar Jahren ein wirklich guter Italiener angesiedelt. Weder arg schlichte Pizzeria, noch „Nobel-Italiener“. Extrem gemütlicher Innenraum, gut gelauntes, nettes Personal. Überschaubare, wechselnde Karte mit komplett frisch gekochten, fröhlichen, schnörkellosen, saisonalen Gerichten. Wenn man überall in Italien so essen könnte, wär es ein Traum http://www.osteria-bianchi.de, Gollierstraße 38

Opson

Im Westend leben sehr viele Griechen. Es gibt ein Gemeindezentrum und eine griechische Kirchengemeinde. Und entsprechend viele griechische Lokale. Dieses hier ist ein bisschen frischer und moderner gehalten – kein Säulen- und Plastik-Weinlaub-Quatsch. Auch hier: überschaubare, saisonale Karte mit frischer, guter Küche. Von wirklich sensationeller Qualität sind die klassischen, griechischen Vorspeisen. http://www.opson.de, Trappentreustraße 33

YEN’c Hot Pot

An dem Lokal scheiden sich die Geister. Man muss drauf stehen, dann ist es toll: Chinesischer Hotpot mit Büffet aus rohen Gemüsen und Fisch. Und zum Hotpot wird frisch aufgeschnittenes Lamm- und Rindfleisch serviert. Alles gart man selbst am Tisch in einem kleinen Töpfchen Brühe (die gibt es von sau- bis gar nicht scharf). Dazu gibt es ein warmes chinesisches Büffet und allerlei a la carte. Immer voll mit großen chinesischen Gruppen, die richtig reinhauen. Das warme Büffet ist nett, die Hotpot Nummer aber toll, wenn man auf ein Essen steht, das lange dauert und bei dem man immer noch eine Kleinigkeit nehmen kann. http://www.yenc-hotpot.com, Garmischer Str. 10

 

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