Wird „handgemachte“ Musik zum Zirkus-Trick?

Unbenannt

Vor ein paar Tagen erwischten mich an einem Tag gleich mindestens fünf online Einschläge der Band „Knower“. Heisst: An einem Tag stolperte ich auf facebook und Youtube gleich fünf mal über eine Band, von der ich noch nie was gehört hatte. Das ging mir vorher erinnerungsweise mindestens zweimal so, nämlich bei dem US Kollektiv „Snarky Puppy“ und dem extrem jungen Multiinstrumentalisten Jacob Collier.

Beide Male folgte ein ziemlich eindrucksvoller Aufstieg, aber kurioserweise, obwohl die Musik durchaus auch dem „Pop“ hätte zugeordnet werden können, in der „Jazz“ Kategorie. Was bedeutet: Labelt man etwas „Jazz“ und es hat ordentlichen Erfolg, wirkt es spektakulär. Wäre es unter „Pop“ angetreten, wäre es wohl eher ein laues Lüftchen. Zufall? Kalkül? Snarky Puppy wird sich weltweit wohl pro Album so zwischen 50.000 und, mit ganz viel Glück, um die 100.000 mal verkauft haben. Collier sicher nicht mal ansatzweise. Im Pop ein Desaster. Gemessen an der Millionen-Reichweite auf Youtube allemal. Im Jazz ein Achtungserfolg.

Halten wir mal fest: Unter „Jazz“ scheint in der Mainstream Wahrnehmung alles zu gehen, was nicht überdeutlich Rock, Pop oder Rap ist. Besonderes „Jazz“ Kriterium: „echte“ Musiker, mit „richtigen“ Instrumenten (kurios), die in der Musik auch jenseits des Sängers eine Rolle spielen (verrückt).

Nun also „Knower“. Auch eine Band, die man stilistisch viel mehr dem Pop und Dance Segment zuordnen könnte, sich aber durchaus wohlfühlt im „Jazz“-nahen Kontext. Und auch hier ganz klar: richtige Instrumente, gespielt von Leuten, die diese auch beherrschen. Und auch ich war erstmal angetan von Videos wie Overtime und Get Lucky. Fast schon euphorisiert. Aber dann kamen auch bald Erinnerungen an die schon Genannten – Snarky Puppy und besonders Collier. Und die Einsicht: Um mit Können in annäherndem Mainstream Umfeld zu punkten, musst Du flashy sein und Dir ein Konzept ausdenken, bei dem möglichst sofort der Youtube Gemeinde die Kinnlade runterklappt. So auch kurz bei mir. Wenn man es näher betrachtet: Klar, die können spielen. Aber es lebt alles auch so sehr vom Effekt, die Musik ist geradezu dazu gemacht, zu beeindrucken. Und hätten man, sagen wir mal, einen 25-jährigen Vinnie Colaiuta oder Marcus Miller da hingesetzt, die hätten auch geflashed.

Vor einer Weile noch ganz normal, heute, richtig in Szene gesetzt offensichtlich Grund für Erstaunen: Leute, die richtige Instrumente spielen und die auch noch super beherrschen. Aber wichtig schon auch: Sie müssen dabei schon durch einen brennenden Reifen springen oder sonst irgendwas Krasses machen, damit es wirklich Wellen schlägt.

Den hier genannten Musikern mache ich absolut keinen Vorwurf. Im Gegenteil: Sie haben meinen absoluten Respekt. Mann, hab ich diese Clips oft gesehen.. Sie spielen grandios, haben verstanden, wie die Musikwelt heute zu großen Teilen läuft und versuchen, ihren Platz in dieser zu finden. Das ist nicht nur legitim, es ist auch intelligent und folgerichtig. Es zählt die schnelle Aufmerksamkeit, bloß nicht an Intensität nachlassen, irgendwas Spektakuläres, aber auch irgendie geerdet, in was aus der guten alten Zeit, etwas, das die Leute kennen. Von damals. Die besten Rocksongs auf der Ukulele, in drei Minuten. Pop Hits aus Gemüse-Instrumenten. Den Fußgängerzonen-Mülltonnen-Techno Drummer. Paul Potts. Die lustigsten Eulen-Videos. Fail Compilation. Dashcam Compilation. Die größten TV Ausraster aller Zeiten. Gibt eine Million Klicks. Immer sponsored, mit Werbeeinblendungen.

Ich meine, gute Musik muss langfristig mehr sein, als ein Stunt. Mehr als eine witzige Idee. Wenn wir und die Musiker anfangen, Musik aufgrund ihrer Verwertbarkeit auf Youtube zu konzipieren, werden wir ihrer Geschichte und der enormen Kraft und dem Potenzial des Mediums nicht gerecht. Wer immer trendy ist, zieht Leute an, die auf sowas stehen. Und eventuell auch genauso schnell wieder weg sind, wenn die nächste Sau durchs virtuelle Dorf getrieben wird.

 

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