Über die Freude am Alleinsein

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Ich wollte diesen Text eigentlich anfangen mit „ich bin im Grunde ein sehr geselliger Mensch.“ Aber eigentlich stimmt das nicht. Wenn ich näher drüber nachdenke, dann ist „gesellig“ eigentlich ziemlich gruselig. Gesellschaft ist nicht Freundschaft. Gesellschaft sind Menschenkörper um einen rum. Karneval. Ballermann. Liedernachmittag im Pflegeheim. Unter Leute. U N T E R Leuten. Nein, ich bin kein „geselliger“ Mensch.

Aber sicher ein sozialer. Und ein kommunikativer.Aber gerade Letzteres kann privat anstrengen, besonders wenn es, wie in meinem Fall, als Pressemann, mein Job ist. Denn das bedeutet: mit den unterschiedlichsten Leuten zurechtkommen, ganz unabhängig von Alter, Temperament, Bildungsstand, Herkunft… Und genau das liebe ich auch an meinem Job. Es ist hochinteressant und eine Herausforderung. Besonders: den Menschen in dem Fall nichts vorzumachen oder sie zu manipulieren. Sondern sich wirklich auf sie einzulassen und eine echte gemeinsame Ebene zu finden. Geben tut es die in den allermeisten Fällen. Und dieser ganze Prozess ist interessant, fordernd, inspirierend. Und man lernt immer was….

Nur ist es halt so: Privat bin ich genau deshalb irgendwie wahnsinnig wählerisch geworden, mit wem ich rumhängen mag. Und das ist alles andere als eine intellektuelle Entscheidung. Oder eine, die irgendwie von einem Wunsch nach einem gewissen „Niveau“ geprägt ist. Vielleicht sogar das Gegenteil. Privat zieht es mich zu Leuten hin, mit denen man sich nicht permanent und in jedem Moment all seiner gegenseitigen Gemeinsamkeiten und gleichen Ansichten versichern muss. Die kenn ich nämlich alle schon selbst. Viel lieber will ich: irgendwas Neues hören (und sei es von einer polnischen Toilettenfrau am Viktualienmarkt, generell allen Leuten über siebzig und generell Menschen, die was ganz Anderes machen als ich), Belangloses austauschen, albern sein, rumjammern und mich beklagen. Oder einfach was erzählen oder mir erzählen zu lassen. Sich unterhalten, um zuzuhören, nicht um permanent zu reagieren. Ausnahme: meine drei großen Themen: Musik, Küche, andere Länder – über die drei Dinge kann ich jederzeit mit jedem reden. Aber es geht auch nicht so sehr um das Was, mehr um das Wie. Sich Leuten nah zu fühlen, keinerlei Rolle spielen zu müssen (gerade in München eine seltene Sache). Es gibt hier Runden von mitt-dreißiger Jung- Architekten, -Designern, -Ärtzten, da kriegst du das kalte Grausen. Jeder kauft sich was Teures, Besonderes, und am Ende haben sie alle denselben Mist zu Hause stehen, fahren an die selben Orte in den Urlaub und rennen den selben Moden hinterher. Und sind dabei so blass, langweilig und angepasst, dass einem Angst und Bange wird um unsere Eliten…

Was ich sagen will: privat setz ich halt wirklich sehr auf Qualität, statt Quantität. Früher war mir das peinlich. Ich hielt mich abwechselnd für einen Snob oder einen Stoffel. Heute finde ich das eigentlich beides nicht mehr, denn ich meine wirklich: ich komm eigentlich mit jedem aus, und ich lass auch jeden sein, wie er ist. Aber ich brauch nicht immer andere Leute. Ich finde es sogar wichtig, dass man in der Lage ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Und ich bin einfach regelmäßig gerne alleine. Ich geh gerne alleine in die Kneipe oder den Biergarten, hier in Bayern ohnehin kein Problem, denn hier sind diese Orte sowieso nur Erweiterungen des Wohnzimmers, Orte des täglichen, normalen Lebens, Alltag. Das finde ich wirklich wunderbar. Aber man kann nicht immer Bier trinken. In Italien habe ich die tiefe Freunde am alleine Kaffeetrinken gefunden. Es geht dabei nicht nur um den Kaffee. Der ist nur Anlass, sitzen zu bleiben. Er kann sogar Sitzplatzmiete sein, besonders an berühmten Plätzen – dort kostet er gerne mal 10 Euro und ist Mietgebühr für den Stuhl, die Aussicht, den Luxus. Ein reeller Gegenwert, meine ich.

Soweit, so harmlos. Nur: ich war auch die letzten beiden Weihnachten absichtlich alleine zu Hause. Und letztes Mal bin ich danach eine Woche lang alleine nach Venedig gefahren. Und ich hab dieses Jahr fest vor, das selbe wieder zu tun. „Aber mit Deiner Ehe ist alles ok, oder?“. Ja, super. „Magst Du uns (Familie) nicht mehr?“. Doch mag ich. Oder, am schlimmsten: „Naja, Du musst selbst wissen, was Du machst.“. Stimmt.

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München, Weihnachten 2015

In meinem Bereich, der Musikbranche, ist die Zeit ab Ende der Sommerferien, bis Weihnachten, die vollste und stressigste im ganzen Jahr. Massig wichtige Veröffentlichungen, die oft über den Erflog oder Misserfolg eines Geschäftsjahres entscheiden und nur ein paar Monate, um diese Sachen gut in die Öffentlichkeit zu tragen und an den Käufer zu bringen. Und zwar bis zum 23.12.. Meine Familie ist nicht nur über ganz Deutschland, sondern auch quer durch Europa verstreut. Und ich geh dann eh auf dem Zahnfleisch. Bin nicht mehr sozial, sondern sehne mich meistens nur nach ECHTER Ruhe. Das erste Mal Weihnachten zu Hause war aus reiner Not. Ich war einfach zu schlapp. Und es war WUNDERBAR. Die Stadt war wie leergefegt (die Menschen hier haben ja tendeziell keine Leben, sondern hauptsächlich Karrieren), es war mild, fast warm, kein Schnee, Fön. Am 24. nachmittags saß ich in einem Café. Dort waren ein paar andere Leute, keiner wirkte suizidal oder auch nur betrübt. Es war friedlich, stiller als sonst, beruhigend. Nur in den Tagen danach wurde mir langweilig. Deshalb letztes Jahr der Entschluss, nach Venedig zu fahren. Da wollte ich schon immer mal hin, scheute mich aber vor den Menschenmassen, die sich im größten Teil des Jahres durch die Gassen schieben.

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Mit dem Zug durch die Dolomiten

Über die Reise habe ich ja schon geschrieben, sie war absolut magisch. Neben der umwerfenden Schönheit jedes Quadratzentimeters dieser Stadt und der relativen Ruhe in der Nebensaison war es auch: eine Woche lang blanker Egoismus, der Einkehr, des leichten Nachdenkens, auch: des nichts-Denkens. Und eine Woche, in der man mal nur nimmt und überhaupt nicht gibt. Das ist wichtig und tut wahnsinnig gut. Es kommt wieder was Neues rein in die Birne. Und dann ist es sowieso nicht so, dass man NICHT kommuniziert. Im Gegenteil, eigentlich die ganze Zeit: fremde Leute auf der Straße anlächeln und sie lächeln zurück, herzlich-italienischer Schnack mit dem Cafébetreiber, Fischhändler, Wirt. Und dann wieder: Schweigen, Schwelgen, Riechen, eine Marmorwand anfassen, am Kanal sitzen, Kirchenluft, Meereswind, Pasta, Wein, noch ein Kaffee, nachts draußen sitzen, obwohl es viel zu kalt ist.

Wie gesagt, ich meine, es ist gut, wenn man als erwachsener Mensch mit sich selbst etwas anfangen kann. Dass man innehält. In sich horcht und die Welt um einen herum. Denn, damit was Gescheites rauskommt, aus dem Kopf, muss auch immer wieder mal was Neues rein.

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Markusplatz am 24. Dezember 2016

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Sprizz mit Taube, Venedig

 

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Bahnhof Zoo, drei Uhr morgens

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Karaokebar, Helsinki

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Zu Fuß durch Paris im Herbst

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Pub, Soho

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Kiosk an der Isar, München

 

 

3 Kommentare

  1. Peter · Juni 3, 2017

    Lieber Michael, die Notwendigkeit mit mir (und den 2 Hunden) alleine zu sein nahm bei mir ab 50 stetig zu. Also das fängt bei dir Gottseidank früher an. Je mehr ich erlebt hatte, desto länger brauche ich, um alles zu verarbeiten. Und in deinem Job erlebst du echt ne ganze Menge. Ab Mitte 60 wunderte ich mich, dass ich vergesslicher werde. Michael Meier, mein Homöopath, jubelte daraufhin:“ sei doch froh, dann bleibst du offen für alles Neue…“ recht hat er. Aber morgens brauche ich mindestens 2 Stunden Dogwalk. Alleine mit den 2 Tölen. Jeden Tag. Lieber Gruß Peter

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  2. wolfsloeffelliste · Juni 3, 2017

    weiter so und du wirst ankommen …

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  3. wolfsloeffelliste · Juni 3, 2017

    der Weg ist alles …

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