Kleine Erwiderung auf „Mia san mia? Nein, blöd san mia.“

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Vor kurzem schrieb Max Scharnigg erst in seinem Blog, dann in der SZ eine flammende München-Kritik die im Netz seit einer Weile die Runde macht und viel beklatscht wird – unter dem Titel „Mia san mia? Nein, blöd san mia.“ und der These, die Stadt sei „reich und erbärmlich“.  Ich lebe hier seit gut acht Jahren und neige dazu, München fast bedingungslos zu lieben. Nicht, weil ich nichts zu kritisieren hätte. Sondern wegen dem Gefühl, hier richtig und aufgehoben zu sein. Dennoch, im Kern kann ich viele Argumente Scharniggs verstehen und teile sie auch.

Das Wichtigste und tatsächlich das, was mich an der Stadt am meisten stört: es fehlt jede Art von Wildwuchs, vieles ist genormt, oft durchschnittlich, 08-15, Ideal Standard. Nichts, aber auch nichts darf gedeihen ohne einen offiziellen Stempel vom Ordnungsamt. Und die kümmerliche freie Szene ist derart kauzig und verschlossen, offensichtlich ängstlich und deshalb zu allermeist grantig und abweisend gegenüber allem Anderen und Neuen und damit so kleingeistig und provinziell, dass es einem graust.

Aber sonst? Ein großer Fehler ist es meiner Meinung nach, München mit Städten wie Rom, London oder Paris zu vergleichen. Lassen wir doch bitte mal die Kirche im Dorf. Mal davon abgesehen: ich war gerade in Paris. Faszinierende Stadt. Aber auch ein Moloch, der einen in kurzer Zeit erschöpft. Oder: Rom, in der Tat, „ach Rom!“ Aber auch: Schon mal versucht, dort mit öffentlichen Verkehrsmitteln irgendwo hin zu kommen? Es GEHT nicht. Und schon mal aus dem Zentrum rausgefahren? Hässlichere Wohn-Silos gibt es nicht mal in der DDR. Schon mal mit jemandem, der in London lebt, darüber gesprochen, wie lange er täglich von zu Hause zur Arbeit braucht? Pub hin oder her.

Das soll jetzt kein Rom-Bashing oder mia san mia Getöne werden. Ich will nur sagen: ich bezweifle, dass der durchschnittliche Römer abends mit Spritz an der Piazza sitzt. Der steckt in einer überfüllte UBahn auf dem Weg in seine Legebatterie. In München schaffst Du es praktisch von überall in einer Viertelstunde zum Viktualienmarkt oder in den Englischen Garten.

Und dann meine ich, die Kritik ist an vielen Stellen eine aus einer ziemlich wohlhabenden, ans Dekadente grenzenden Perspektive. Ich lebe z.B. in einer dieser Wohnungen mit nicht all zu hohen Decken und den ach so schlimmen „Isolierfensterm“. Wenn auch nicht vollsanierter Altbau, mochte ich meine Wohnung bis jetzt ziemlich gerne, schön zu erfahren, dass ich eigentlich im Elend lebe. Hängt von der Perspektive ab, würde ich sagen. Im Vergleich zu einem Plattenbau mit kaputter Heizung in irgendeiner ex-kommunistischen Trabantenstadt ist meine Wohnung sicher ein Palast. Im Vergleich zu einem Bauernhof auf dem Land auch die luxuriöse Stadtwohnung für die Bauernhof-Bewohner sicher ein unzumutbares Gefängnis. Wie gesagt: Perspektive.

Ich glaube, überall, wo man lebt, gibt es Dinge, die einen irgendwann nerven und aufregen. Ich denke, die Frage ist am Ende, was einem persönlich wichtig ist. Ich liebe die Ruhe und Gelassenheit in weiten Teilen der Stadt, das Gefühl, dass alles nah ist, die freundliche Art auf die die Leute miteinander umgehen. Die Biergärten und Parks, die Wirtschaften, die Isar. Und natürlich: das Westend, ein Viertel, in dem sich vieles, was sonst an München nervt, ein bisschen relativiert. Weil es bunter, lockerer und bodenständiger ist, als die meisten Teile der Innenstadt.

Ich meine, wenn man hier lebt und sich die Stadt leisten kann, hat man es in vielen Dingen leicht. Und so meine ich auch, man soll sich seine Stellen suchen, an denen man was gestalten kann. Ich mach das als Musiker, aber auch über das Schreiben. Und man sollte schauen, dass man nicht nur Münsteraner und Wiesbadener im Freundeskreis hat, sondern auch ein paar Münchner. Damit man was kapiert über diese Stadt. Damit man nicht irgendwann auf der Wiesn‘ in der China-Tracht Helene Fischer mitgrölt und dabei Champagner aus dem Steinkrug trinkt.

Dankbar sein muss man Max Scharnigg für seinen Artikel auf jeden Fall. Es kostet Kraft, sowas zu schreiben und macht einen nicht unbedingt beliebter. Da hatte einer ein Anliegen. Ich bin unbedingt dafür, dass wir uns, auch in der für mich schönsten Stadt Deutschlands, nicht satt und träge in unsere Selbstzufriedenheit zurückziehen, sondern neugierig bleiben und offen für alles, was neu und anders ist. Und das Beste davon hierher mitnehmen und uns überhaupt in unsere Stadt einbringen.

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