Frühlingsfest

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Vor meiner München Zeit hätte mich wohl kein Mensch auf die Wiesn geriegt. Nicht, dass ich keine Volksfeste mag, im Gegenteil. Aber Massenveranstaltungen treiben mich eigentlich in die Flucht. Als ich dann her zog und ein paar Mal (ohne Reservierung) da war, merkte ich: es ist alles noch viel schlimmer. Doch es muss irgendeinen Abend gegeben haben, da wurde ich unwiederbringlich angefixt. Seitdem kann ich es kaum erwarten, bis die Luft (ich wohne ca. 5 min. Fußweg von der Wiesn weg) wieder flirrt im Duft von Hendl und Süßigkeiten und man an starken Tagen sogar direkt vor unserer Haustür die Leute hört, wie in einem Hummelnest.

Nun ist es so: Es gib in München, Ende April bis Anfang Mai, an selber Stelle und sogar z.T. mit Originalausstattung das Frühlingsfest. Ich wollte es eigentlich meiden, denn im Prinzip kenn ich mich aus. Heute aber, naja, kurz mal hinschauen. Und was soll ich sagen: wenn jemand schon mal die Fantasie hatte, der einzige Überlebende eines Atomkriegs in  einer sonst menschenleeren Stadt zu sein: Für den dürfte es was sein. Und für alle, die sich gerade in der Pubertät befinden, auch.


Es gibt zwei Wiesn Zelte auf dem Frühlingsfest. Das Original Hippodrom und ein kleineres Augustiner Zelt. An letzteres hatte ich schlechte Erinnerungen. Also Hippo.

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Wenn man mal erleben will, wie es ist, in ein Wiesn-Zelt zu gehen und sofort ohne Reservierung einen Tisch zu kriegen: bittesehr. Und preislich passts auch. Genau so teuer. Volkstümlicher Schlager. Zweiergruppen pro Biertisch. In den Boxen, sogar jetzt:  Aus Steinkrügen Champagner trinkende G’schaftlhuber auf Firmenkosten („Spesenficker“). Keine Hände zum Himmel. Und Schunkeln geht zu zweit vis a vis auch nicht so recht.

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Also doch Augustiner. Auf den ersten Blick: rappelvoll. Auf den zweiten Blick: die Besucher teilen sich in drei Gruppen: Jungs, die in einem Alter sind, in dem nichts spannender ist, als Brüste. Und von denen gibt reichlich, es lockt: das, vorzugsweise neon-grüne oder neon-pink farbene China-Dirndl, natürlich unter Kiel-Länge. Die zweite Gruppe: Mädels, die in einem Alter sind, in dem nichts spannender ist, als Jungs. Oder zumindest mit anderen Mädels über Jungs reden. Und beide immer noch in einem Alter, in dem das andere Geschlecht im Grunde ein Rätsel ist. Dazu: ein kleiner Anteil an Alkoholikern, Irren und ein paar versprengten Touristen, die meinen, das hier müsse so.

Du lieber Himmel, in Gottes Namen, dann eben wenigstens eine Mass und ein bisschen im Glück darüber schwelgen, dass man dieser grässlichsten aller Altersstufen (15 – 22) entwachsen ist. Bald stehen alle auf den Bänken, besonders die Mädels. Die Jungs sitzen mehrheitlich und sehen ein bisschen ratlos aus. Ab und zu steht einer triumphierend mit der (mitgebrachten) Freundin auf der Bank. Hmmm, der „Flieger“ weckt kurz Erinnerungen. Vielleicht noch ein bisschen….. NEEE, wirklich nicht.

Raus in den Nieselregen Richtung U-Bahn, vorbei an gespenstisch leeren Fahrgeschäften, dem stillstehenden Riesenrad, rauchenden, telefonierenden Schaustellern mit alten, traurigen Schlagern in Dauerschleife. Die Süßigkeitenhändler (und, scheinbar auch die allermeisten anderen) wirken so, als brächten sie gerade noch die Reste vergangener Weihnachtsmärkte unter die Leute, bevor Neuware beim Großhandel geordert wird. Ab und zu 2er bis 4er Gruppen muskulöser, morgenländischer Jungs, die mal checken wollen, was so geht. Oder notfalls auch damit zufrieden wären, einem wie mir sehr, sehr weh zu tun. Auch die U-Bahn: Menschenleer, dann ist’s geschafft.

Nur noch gut vier Monate, dann geht’s wieder los. Es ist schön, dass es die Wiesn gibt. Mit ihrem ganzen Wahnsinn. Aber auch als die große Feier der Unvernunft, als das ich sie so ins Herz geschlossen hab. Aber auch schön, dass nur einmal im Jahr Wiesn ist. Und dann richtig.

Ein Kommentar

  1. wolfsloeffelliste · Mai 7, 2017

    Für welche Zeitung schreiben Sie, Herr Gottfried ? Toller Text, beim lesen fühlt man, man ist dabei gewesen.

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