In der Küche mit Papa

Ich bin gelegentlich ein recht wiedersprüchlicher Mensch. Ich vermute, das liegt daran, dass ich das Kind von zwei Menschen bin, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Früher war das für mich ehr eine Last, heute sehe ich das mehr als Qualität. Die Skepsis und Vorsicht, Umsicht und Weitsicht meiner Mutter, zusammen mit dem Wagemut mit dem Hang zum Fanatismus und der „Wir-schaffen-das“ und Aufsteher-Mentalität meines Vaters. Eigentlich keine schlechte Mischung. Wenn man es irgendwie unter einen Hut bekommt und dabei nicht wahnsinnig wird. Aber, ist ja ein Kochblog. Der Geschmack der Kindheit: Mama, Oma, Tante. Unvergesslich. Die DNA. Geht nie weg. Aber ICH dabei in der Küche? Undenkbar. Die wirkliche Leidenschaft für die Küche und VOR ALLEM, für das, was dahinter steckt.

P A P A.

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Wir reden hier nur über schöne Erinnerungen. Und die ersten richtig guten kommen noch aus Zeiten der DDR: Grillen. Hausmacher Wurst, Droge, bis heute. Beeren aus dem eigenen Garten. Immer und immer und immer wieder und nie genug: Bratensonntage: Rouladen, Thüringer Klöße (hausgemacht und unvergesslich kartoffelig). Selleriesalat mit Kümmel. Bohnensalat mit Zwiebeln, Salat aus gekochten Möhren und Blumenkohl. Tomatenbrote mit der Erne aus Opas Gartnen. Soljanka. Softeis, das man in der Thermoskanne aus der Bäckerei holt und dann am Küchentisch vernascht. Eingeweckte Stachelbeeren. Omas Hefe-Blechkuchen wie ich sie nie, nie, nie wieder gekriegt habe – mir Quark und Rosinen, Mohn, Rhabarber, roten Johannisbeeren, butterigen Streuseln…..

Papa war schon in der DDR immer am Experimentieren. Nach der Wende öffnete sich für ihn eine ganze Welt. Manche zogen sich zurück in ihr Schneckenhaus. Papa nicht. Nicht eine Sekunde lang, so schien es. Papa wollte raus. Nach vorne. Bleiben wir bei der Küche: Wer sich in einem Umfeld mit so beschränkten Produkten zurecht findet, wie in der DDR, der kann ALLES machen. Wie in der Küche, so auch im Leben, wollte Papa WEITER. Scheinbar furchtlos. Auch aus der Ehe meiner Eltern wurden wieder zwei Singles.

Ich kann mich noch gut an einen Anruf erinnern. Papa: „Ich hab Risotto gemacht. Iss wie Milchreis, aber sowas von gut und würzig. Das müssen wir mal zusammen machen.“ Haben wir. Ein paar hundert Mal. Risotto ist seitdem ein Gericht, das ganz tief in meiner Seele steckt. Ich weiß noch genau, wie das erste ging – mit Hühnerbrühe aus dem Glas, aber sonst – dem echten, richtigen Reis, Parmesan, den sonst noch kaum der Westen kannte. Überhaupt gab es bei Papa im Plattenbau, obwohl die Kohle nicht gerade sprudelte, vieles gefühlt früher, als der Trend das überall hin spülte: Ruccola, Lammkeulen, Risotto, Ingwer, Parmesan, Balsamico, Soßen, die man eher reduziert, als bindet. Diese ganzen Sachen. Die ganze Denke. Raus aus dem Mief. Was neues, tolles kochen. Was neues machen. Ohne Angst und Zweifel und Stock im Arsch. Wunderbar.

Und Papa hat immer verstanden: Kochen ist nicht nur Ernährung, sondern Kultur und Identität. In der Kochbuchsammlung gab und gibt es kaum ein „Man nehme“ Buch. Es sind immer Geschichten von Land und Leuten. Unvergessen: Unsere Provence Reise (ich als orientierungsloser, zerrissener Jugendlicher) nach einem Buch von WDRs „Martina und Moritz“ – einer Sendung, die ich heute noch,  nicht ohne Scham und Lästerei von außen, gerne sehe.

Heute ist mir Papa wieder einen großen Schritt voraus. In der Jugend des Alters ist für ihn Kochen nicht nur Kultur und Geschichte. Sondern auch: Weisheit, Gesundheit, Lebens-Mittel. Er kocht Sachen von einer Klarheit, bei der ich demütig werde. Die gleichzeitig meine Seele wärmen und ganz durch und durch PAPA sind.

Ich glaube, dass Wichtigste ist: nie geht es um mehr Schein als Sein. Eine Haltung, die mir in meinem Leben auch  IMMER sehr, sehr wichtig war und ist ist. Wirklich meine absolute Grundhaltung in Allem, das ich tue: Alles Ausschmücken, Aufblähen, Überhöhen unterlassen. Stattdessen: Wahrhaftigkeit, Hinterfragen ohne zu wankemütig zu sein, lieber fröhlich und angstfrei lernen, sich immer und immer wieder hinterfragen und VORWÄRTS zu bewegen. Das ist für mich Weisheit. In der Küche und im Leben. Ich lauf immer ein bisschen hinterher. Aber das tue ich gerne und es ist ja auch ok so.

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