Musiker & Karrierestart

15123038_1212386808808109_8888624084471380959_o

Ein paar Gedanken von mir zum Thema Karrierestart für junge Musiker – im Original für das Magazin der Hochschule der Künste Bern. Vielleicht ist was Hilfreiches dabei.

_wie umgehen mit dem überangebot?

Welches meinst Du? Das Überangebot an Künstlern? Es gibt sicher eine Menge bestens ausgebildeter junger Musiker in unserem Sprachraum. 80 Prozent der Demos, die wir als Label kriegen, sind handwerklich gut. Was den Allermeisten aber fehlt, ist das Zwingende, aufgrund dessen man sagt: Ja, genau DAS ist es. Man soll die jungen Musiker natürlich auch nicht mit Erwartungen überfrachten. Ich meine aber, man sollte sie noch mehr ermutigen, ihre eigenen Ideen zu entwickeln. Ich höre lieber Jemanden, der noch nicht ganz komplett ist, aber dafür etwas spielt, was ich so noch nicht gehört habe, als Jemanden, der spielt wie John Coltrane oder Esbjörn Svensson. Die gibt es nämlich schon. Dazu kommt: Der Markt für aufgenommene Musik ist ein schwieriger. Wir müssen auch das Gefühl haben, dass wir einen Künstler auf lange Sicht erfolgreich vermarkten können. Es gibt eine Menge Sachen, vor allem aus der freieren, energetischen Ecke, die wir alle toll finden,  die sich einfach nicht gut zum Hören zu Hause eignen, da sie live einfach eine ganz andere Wirkung haben. Klar, wenn wir etwas Besonderes in einem Künstler sehen, machen wir das auch unter kommerziell schwierigen Vorzeichen. Aber auf lange Sicht hat es auch rein inhaltlich keinen Sinn, Platten zu produzieren, von denen man schon vorher weiß, dass sie keiner kaufen will. Viele Leute machen ja heute Alben in erster Linie als Showcase ihrer Fähigkeiten, um Presse und Gigs zu bekommen. Das ist uns aber zu wenig. Unsere Idee eines Albums ist immer noch die eines in sich geschlossenen Kunstwerks. Wenn man das alles summiert, gibt es kein Überangebot. Ganz im Gegenteil: Solche Künstler sind rar.

_hat die digitalisierung alles anspruchsvoller / mühsamer / schlechter gemacht?

Knackpunkt ist das Streaming vs. CD Verkauf und bezahl-Downloads. Das Wachstum im Streamingbereich (und der Wegfall am anderen Ende) hilft vor allem den Major Labels. Die haben einen tiefen Katalog mit hunderttausenden Titel, die sie schon auf Vinyl, Kassette, CD und zum Bezahl-Download wieder und wieder verkauft haben und nun eben ein weiteres Mal durch Streaming. Bei der Masse an Musik lohnt sich das natürlich. Ganz anders sieht das für kleinere / jüngere / unabhängige Labels aus, die ihre Arbeit durch ihre Neuerscheinungen finanzieren müssen. Das Argument ist ja: die Centbeträge, die beim Streaming erwirtschaftet werden, akkumulieren sich über die Jahre. Nur: die Kosten für eine Aufnahme, das Marketing etc. werden eben SOFORT fällig. Insofern reicht das nicht. Deshalb müssen Labels, die überleben wollen, heute alles machen: Streaming, mp3 Downloading, High-Res Downloads, CDs, Vinyl. Und es kommen immer mehr auch Aufgaben im Bereich Booking, Management und natürlich Marketing und Promotion im Digital- und Social-Media Bereich dazu. Das alles bei unterm Strich sinkenden oder zumindest stagnierenden Einnahmen und oft eben bei vierfacher Arbeit verteilt auf immer weniger Personal. Klar erleichtern die neuen Möglichkeiten ein Stück weit den direkten Einstieg für die Musiker, der eben auch ohne große Label- und Management Infrastruktur passieren kann. Aber ich habe auch bei den ganz ganz engagierten, ehrgeizigen Musikern, die alles selbst gemacht haben KEINEN erlebt, der ab einem bestimmten Punkt in der Karriere den ganzen Business- / vermittelnden Teil mehr alleine geschafft hat. Am Ende braucht es die Vermittlung durch Labels & Co. Es gibt viele engagierte Leute, die für die Musik brennen. Und eine Menge interessanter Musik. Die große Frage bleibt: Wie können alle Beteiligten von der Sache halbwegs leben?

_was macht heute den unterschied beim scouting?

An den künstlerischen Kriterien hat sich nichts geändert und die sind nach wie vor die wichtigste Grundlage. Die digitalen Möglichkeiten erleichtern dabei das schnelle Auschecken von Künstlern. Und man kriegt über das Netz natürlich eine Menge mit, wenn man aufmerksam und wach ist, was diesen Bereich angeht. Sicher erwarten wir heute von Künstlern besonders im Social Media Bereich und der direkten Ansprache der Zielgruppe eine Menge Eigeninitiative: Spaß und die Bereitschaft, per Facebook / Twitter / Instagram mit den Fans zu kommunizieren, eine gescheite Mailing Liste. Eine ansprechende Website. Vielleicht auch einen Blog, Youtube Kanal und ein gewisses Interesse an Texten, Fotos und Videos…. Das alles ist enorm wichtig und kann nicht nur zentralisiert vom Label kommen, erstens, weil es aufwändig ist und zweitens, weil die direkte Ansprache durch den Künstler auch einfach authentischer ist. Wir machen ein Signing jetzt nicht alleine anhand der facebook Fans fest, aber ein starkes Bewusstsein und die Bereitschaft, in dem Bereich aktiv zu sein, sind wichtig. Und wir würden nie nur aufgrund von Soundfiles und Videos irgendwen signen. Nichts ersetzt den Liveeindruck.

_welche jungen talente kriegen von Dir die aufmerksamkeit?

Es geht um künstlerische Einzigartigkeit, Persönlichkeit und den Willen, ein Publikum zu erreichen. Und es geht darum, dass es irgendwie „klick“ macht. Das magische Ding. Es gibt Konzerte, da muss man viel nachdenken und abwägen und überlegen. Das muss manchmal sein, besonders bei jungen Künstlern – denn da geht es ja oft darum, sich auch vorstellen zu können, was aus denen mal werden könnte und das Besondere zu erkennen und bestenfalls gemeinsam herauszuarbeiten. Aber idealerweise muss man nicht mehr überlegen, und ist einfach von den Socken und die anderen Leute im Raum sind es auch. Das ist der Idealfall. Und der tritt auch immer wieder ein. Es sollte eigentlich ein gegenseitige Verlieben sein, man sollte RICHTIG Bock auf die Sache haben, denn schwierig wird es schnell genug. Es muss einfach was zünden. Wer 50 Leute begeistern kann, der schafft es vielleicht auch mit 500 oder 5000. Wer nicht mal die 40 kriegt, bei dem muss man gar nicht weiter überlegen.

_was macht ein gutes portfolio eines jungen künstlers aus?

Die erste und wichtigste Frage, die man sich stellen sollte: WO schicke ich meinen Kram hin? Passt das, was ich mache, vom Niveau her, aber auch stilistisch zu meinem gewünschten Partner? Wenn ich das weiß: Es ist wichtig, dass alles, was wir an Materialien bekommen, wirklich eine gute Qualität hat. Ich kann zum Beispiel nicht sagen, dass die Aufnahmequalität von Demos (oder auch Videos etc.) keine Rolle spielt. Denn sie tut es. Das selbe trifft auf Texte, Fotos und die sonstige Gestaltung der Sachen zu. Lieber reduziert und hochwertig als ein Berg Mittelmaß. Ihr habt nur Pressezitate von unbedeutenden Regionalmedien? Einfach weglassen. Ihr habt nur ein verwackeltes Handyvideo? Spart es Euch. Das Wichtigste ist ein gut aufgenommenes Demo, ein hochwertiges Foto und vielleicht max. eine halbe Seite mit den wichtigsten Infos. Digital oder physisch. Und natürlich: Kontaktinformationen und Infos darüber, wann und wo man sich die Band live anschauen kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s