Joachim Kühn „Beauty & Truth“

NL

Und schon haben wir den Salat. „Schreib mal wieder war über Musik“ hab ich gedacht. Eigentlich wollte ich ja aber nicht über Platten schreiben, an denen ich arbeite oder gearbeitet habe. Zu groß die Gefahr, irgend jemand könnte denken, die,  die ich hier erwähne sind meine persönlichen Favoriten und die anderen interessieren mich nur von Berufs wegen. Also: das ist NICHT so. Es gibt nur Platten, zu denen habe ich das Gefühl, möglicherweise persönlich etwas Nettes zu erzählen zu haben. Oder die läuft eben just diese Woche rauf und runter und ich bin der Meinung, es wäre mal wieder Zeit für Musik. Hach Mensch. So ist es jedenfalls mit dem neuen Album des New Trios von Deutschlands Jazz-Piano-Gigant Joachim Kühn.

Joachim habe ich vor knapp zehn Jahren das erste Mal getroffen und es war damals schon wunderbar. Ich war eigentlich nur die Flughafen-Abholung für ein Festival. Also irgendwer. Joachim kam alleine, der Empfang war warmherzig. Man müsse noch einen Anzug kaufen für den Abend. Also die schicksten Läden am Frankfurter Flughafen abgegrast. Und nobel eigekauft (nur mit zugeähten Ärmeln, wie sich später herausstellte, was mich am späten Samstag Nachmittag auf Schneidersuche durch die Pfalz brachte). Im Auto quatschen über Musik („Michael Wollny, das wird mal ein ganz Großer“). Anruf: Der bestellte Steinway kann nicht geliefert werden, es kommt ein Sauter. Joachim „Oh Shit. Naja, was willste machen.“. Auf die spätere Frage, wie das Ding wohl im Vergleich zum Steinway klänge: „das ist, wie wenn Du Sex mit deiner Freundin hast, oder mit deiner eigenen Großmutter….“ Trotzdem gute Laune, Weißwein in der Fußgängerzone, Joachim plaudert, über wilde Tage, Ornette Coleman, den Osten, Frankreich, die USA. Über Bach.

Als ich JAHRE später bei ACT anfing und mein Kollege mich Joachim gegenüber am Telefon als den Neuen vorstellte, erinnerte der sich sofort – „Ach, der hat sich damals so schön um mich gekümmert.“ So ist er, trotz eines wilden, bewegten Lebens super-aufgeräumt, immer herzlich, immer warm und weise. Und ein Monster von Pianist.

Für die aktuelle Platte hat er sich, gerade 72, noch einmal selbst neu erfunden. Zusammen mit zwei Mittdreißigern lässt er die Fetzen fliegen, übt sich aber, eigentlich Meister des Überschwangs, auch in kompakteren Formen. Einige Leute, die das in ihren Erwartungen irritiert, finden’s gar nicht gut. Andere, wie ich, ziehen den Hut davor, wie man, egal in welchem Alter, aber erst Recht mit 72 in jeder Note eine solche emotionale Energie verbreiten kann.

Auch wenn’s oft echt zur Sache geht: Das ist, Überraschung, eine Jazzplatte, die ich auch Leuten empfehlen kann, die sich noch nicht so sicher finden, was sie wohl von dieser Musik halten. Also: Diese Version des Doors Klassikers „The End“ hören und staunen.

Joachim will ich noch ganz oft sehen, wir telefonieren gelegentlich, es ist immer eine große Freude, einander zu begegnen. Er ist einfah ECHT und ein UNIKAT, genau so, wie sein Bruder Rolf im Übrigen. Eine Ehre, mit solchen Menschen ein bisschen Zeit zu verbringen. Und vielleicht ein kleines bisschen dazu beizutragen, ihre Musik immer wieder neuen Hörern vorzustellen. Und ein Privileg, sie spielen zu hören. Wann immer es geht.

 

 

 

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